Törchen 11

11.12.

Facebook sei Dank weiß ich nun, dass Angelo Kelly ein neues Album heraus gebracht hat. Es heißt Irish Christmas. In der Timeline taucht er heute plötzlich auf, der Link zu seinem Video „silent night, in Klammern Oiche Chiuin“  auf youtube. Da sage ich nicht nein, ich kann gar nicht nein sagen. Was mir dann drei Minuten und 53 Sekunden lang wiederfährt ist ein rechtschaffenes Tageserlebnis samt Weihnachtsbezug.

Begrüßt werden wir von einer wildgewordenen Flöte, die sich vergeblich zu mäßigen versucht. Im Bild sieht man in üppig gefilterten Farben ein weißes steinernes Haus in Abendstimmung,  die Kamera fährt nun zielstrebig auf ein anheimelndes Fenster zu. Eine tüchtige Stumpenkerze steht stramm hinter Einfachverglasung auf der Fensterbank, dahinter erhaschen wir langsam einen Blick auf, man muss es einmal so sagen, einen feisten Angelo Kelly samt Frau und Kinderschar. Ich zähle fünf Abkömmlinge, Wikipedia bestätigt mir bei einer investigativen Nachrecherche, dass diese Zahl korrekt ist.  Die ganze Familie, samt drei weiterer rechts im Bild drapierter Musikanten, sitzt, wie könnte es jemals anders sein, vor einem offenen Kamin. In der Stube sind große Natursteinfliesen verlegt, die Wände sind nicht verputzt und wirken wie ein historisches Gemäuer. Alle zehn zu bestaunenden Erdlinge sind in gedeckte Farben gekleidet, die Töchter tragen zu den scheinbar verpflichtenden Norwegerpullovern selbstredend Röcke und Strumpfhosen, das Gesamtbild mutet demnach an wie eine Baptistenfamilie mit Durchschnittsgröße und Gudrun Sjöden-Faible in einer Landlust-Kulisse.

Soweit so gut. Nun fängt Angelos Frau, Wikipedia verrät uns, dass sie Kira heißt, mit glockenheller Stimme zu singen an,  auf wahrscheinlich gälisch erklingen die ersten Takte von „Stille Nacht, heilige Nacht.“ An der Stelle, bei der im deutschen „alles schläft, einsam wacht“ gesungen wird, schaut sie verzückt auf den in ein nougatfarbenes Strickdeckchen geschlagenen Säugling in ihrem Schoße darnieder und psalmodiert wacker weiter. Bei der hohen Passage, das deutsche Äquivalent lautet „schlaf in himmlischer Ruh-huu“, legt sie vor Anstrengung die junge Stirn leicht in Falten und bekommt vom Gitarre zupfenden Ehemann einen bestärkenden, leichten Kopfnicker mit zusammen gelegten Lippen geschenkt.

Nun wird übergeschwenkt in die nächste Szenerie, na, was könnte denn nun passieren? Au ja, wir backen. Angelos Töchter – natürlich seine Töchter, – würden seine Söhne backen wäre man immerhin einen  halben Millimeter von der Klischeeweihnachtskackobox abgerückt und wer weiß was dann passiert? Das riskieren wir besser mal nicht. – jedenfalls kneten seine Töchter nun eifrig die Teigklumpen auf unbehandelten großen Holzbrettern zu recht. An dieser Stelle sehen wir auch die einzige Irritation des gesamten Werkes: auf den Nägeln des großen Mädchens erkennt man einen feinen Hauch postmodernen Klarlacks, ich glaub ich spinne. Woraus soll der denn sein? Propolissekret? Gestocktem Eiweiß?

Natürlich kommt das benötigte Mehl aus einer urigen Blechdose und auch hier heizt eine weitere Stumpenkerze, drapiert auf dem fürs Backen okkupierten Familienküchentisch, der Menge so richtig ein. Der große Bruder greift kurz helfend der kleinen Schwester über die Schulter, die zwei wunderbare Fischgrätenzöpfe geflochten hat wie sie eine Trägerin des Ehrenkreuzes der deutschen Mutter ihrer Brut nicht hätte kunstvoller zusammen flechten können. Ein Wunderwerk verantwortungsvoller Mutterschaft. Und wie artig das Burscherl seiner Schwester in der Küche zur Hand geht, Magda Goebbels würde es vor Verzückung warm die Schenkel herunterrinnen, wenn sie sähe, was ich sehe. Mittlerweile tremoliert Angelo auf Englisch, die Kinder blödeln ausgelassen und klischeereich mit den metallischen Ausstechformen herum und halten verbrämt das Herzförmchen in die Kamera. Nach einem klimperigen Zwischenspiel stimmen nun alle mit ein und singen in deutscher Sprache, die Stimmung wird sekündlich besser. Ein großer, natürlich erdfarbener Handschuh holt das opulente Backblech aus dem heimelig anmutenden Ofen. Wir bekommen nun den jüngsten Spross noch einmal in Nahaufnahme vorgeführt, und zwar beim deutschen „Schlaf in himmlischer Ru-hhu“, wie er mit entspannten Gesichtszügen auf dem Arm seiner Mutter –festgehalten-:  schläft!

Hier kommt nun auch die Musik etwas zur Ruhe, ja, da hat man sich dramaturgisch wahrlich überschlagen,- um nun mit richtig Rambazamba noch einmal aufzudrehen. Dudelsäcke dürfen dabei sein, wohl auch ein Tamburin, einfach  alles, was sich das gebildete Musikerherz wünscht, ist da. Einmal noch sehen wir das kleinere Töchterchen mit annähernd gefalteten Händen in seinem gestreiften Leibchen, wie es verträumt ins Kaminfeuer blickt. Von dort wird sanft hinübergefadet ins Werbeplakat für die CD.

Wir haben es geschafft.

Nachtrag: ich habe mich danach ein bisschen festgelesen bei der Kelly Family, ich erfuhr zum Beispiel, dass  ihr Familienschloss Gymnich in Erftstadt seit 2012 verkauft ist. Irgendetwas zog mich magisch an während es mich auch anwiderte. Als ich am nächsten Morgen in den Spiegel blicke, raffe ich es: An einem schlechten Tag habe ich Angst, dass ich ihm ähnlich sehe. Der schiefe linke Scheidezahn, das langweilige Haar, das Doppelkinn. Angelo Kellys Physiognomie ist mein prämenstruelles, ewiges Gespenst.

 

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