Törchen 3

3.12.

„Es gibt nämlich noch eine Wahrheit. In den alltäglichen Grabenkämpfen des Erwachsenendaseins gibt es keinen Atheismus. Es gibt keinen Nichtglauben. Jeder betet etwas an. Aber wir können wählen, was wir anbeten. „

David Foster Wallace, Das hier ist Wasser

Dieser dritte Dezember 2015, ein Donnerstag, war ein perfekter Tag.

Er war mit allem angefüllt, was Advent und Weihnachten dem Bundesbürger bieten sollen. Er war voller Liebe, voller schöner Erinnerung, voller gehauchter „ Ach was hammwers gut.“.-Voll Kicherei, besonderem Essen und liebevollen Begegnungen. Es herrschte Dankbarkeit für die großen Dinge im Leben: Freundschaft, Liebe, Humor und Glaube.

Man könnte jetzt annehmen, ich sei auf einer sinnstiftenden spirituellen Veranstaltung gewesen, in einem Zen-Kloster, bei einer ausgebufften Messe oder gar bei einer euphorisierenden dynamischen Meditation bei den Sanyassins, aber nein, wir sprechen lediglich von einem Gang ins schnöde Standesamt Bonn Poppelsdorf.

Zwei wirklich großartige und witzige Menschen, zu gleichen Teilen Gefährten und Liebende, glauben an sich und an das Leben. Diese Menschen sind meine Freunde und haben heute geheiratet.

Ihnen ist in diesem Jahr Schlimmes widerfahren – Eltern und Bruder des Bräutigams kamen Ende Mai durch einem Autounfall ums Leben. Sie traf keine Schuld. Im unfallverursachenden Wagen saßen ein Erwachsener Mann und drei Kinder – alle vier haben überlebt.

Es waren zehrende Wochen und Monate für meine Freunde und ein trüber Sommer. Man steht daneben und kann nichts anderes machen als daneben stehen und in all der Hilflosigkeit merkt man dennoch, dass dieses Danebenstehen scheinbar hilfreich ist. Ab und zu kann man irgendeinen Amtsgang oder Einkauf übernehmen, man kann die Beerdigung mitorganisieren und bei Freunden wie sie es sind durfte ich so manch beschissen-befreienden Witz reißen. Folgende Grundregel im Umgang mit Trauernden habe ich in dieser Zeit endlich vollständig verinnerlicht: nicht weglaufen. Einfach da bleiben. Nicht beschwichtigen und nicht versuchen, der Sache noch „irgendwo was Gutes“ abzuringen. Im Grunde geht es um ein Mit-Aushalten. Mehr ist nicht drin. Man kann nichts lindern und nichts wieder gut machen. Tot ist tot, das wissen wir alle.

Nun wählten diese tapferen Menschen einen der wenigen noch verfügbaren Standesamttermine im Dezember, um dem Jahr noch eine gute Erinnerung hinzuzufügen, um ihm bewusst und aus eigener Kraft eine weitere Farbe zu verpassen und zwar eine fröhliche. In gewisser Weise war es auch ein trotziger, entschlossener Mittelfinger in Richtung Schicksal. Du willst dass wir ein beschissenes Jahr haben? Ok, aber bätsch, kurz vor Schluss, wenn Du, behämmertes Schicksal, schon nicht mehr hinkuckst, mopsen wir uns einen Tag und feiern das Leben. Fick Dich halt.

Meine Freunde sind von Beruf Notfallseelsorger und Schauspielerin und wohnen in einem hutzeligen Fachwerkhaus. In der Küche dieses Hauses traf man sich zu der wirklich unromantischen Zeit acht Uhr morgens und stand sich gut gelaunt auf den Füßen herum, die Braut wurde geschminkt und in ihr wunderbares Vintage-Kleid gesteckt, der Fotograf kletterte um uns herum, des Bräutigams Kinder waren schick angezogen, man aß geschmierte Brötchen und wartete auf das Ehegattenfahrzeug, einen Maserati samt Fahrer.

Durch sein dreifaltiges Dasein als Notfallmensch, jahrelanger Berufsschullehrer und Pfarrer hat der Bräutigam ein Netzwerk, das so manchen Mafiaboss vor Neid weinen lassen würde. So kommt auch der Maserati vors Fachwerkhaus; der Bräutigam schüttete einst Weihwasser über den flaumigen Kopf eines Kindes dessen Vater einst sein Schüler war dessen Vater wiederum eine Autosammlung hat – zack, da steht er vor der Tür, baugleich dem Fahrzeug aus dem Film „ziemlich beste Freunde.“

Und hier komme ich zu einem weihnachtlichen Exkurs.

„Ich könnte das nicht“ sagen viele Menschen, wenn sie hören, was der Bräutigam oder meine in einem Hospiz angestellte Mutter tut. „Ich würde kaputt gehen.“ Es kann sein, dass solche Jobs für manche Menschen nicht geeignet sind.

Die häufige Konfrontation mit Leid und Schicksalsschlägen hat aber auch eine andere Seite. Hier kann man sich die „Es hat auch sein Gutes“-Karte durchaus mal anschauen: Das, wonach man im Dezember besonders suchen soll: Rückbesinnung auf das Schöne, Dankbarkeit für alles, was da ist – dieses Gefühl haben Menschen wie der heutige Bräutigam nicht nur im Dezember. Durch die Zähheit und den Schmerz, den diese Menschen oft und nah miterleben, haben sie adventliche Stimmungen mitten im Sommer, auf einer Autofahrt, oder wenn sie nach Hause kommen und alle ihre Liebsten tiefschlafend und krebsfrei in einem warmen Bett wissen.

Die Materialisation des Maseratis vor der Fachwerkhauspforte macht sichtbar, welchen Rücklauf ein solcher Job haben kann: Die Leute erinnern sich an Dich; daran, dass Du ihnen wohlgesonnen warst und ihnen deine Zeit geschenkt hast. Und geben etwas zurück. Soll so dieses große Spiel nicht funktionieren? Ich wette, es steht auf Seite eins der Spielregeln.

Nach dem Standesamt fuhren wir auf den Friedhof und begossen die Gräber der Bräutigamseltern mit Champagner. Einen besonders dicken Schluck bekam der Bräutigamsbruder von seiner Schwägerin, die heute eine Braut ist und die er sehr gerne mochte. Und man muss wissen: er mochte nicht sonderlich viele Leute. Durch seinen Autismus fühlte er sich von den meisten Menschen gestört und war schnell gestresst. Mit seiner Schwägerin konnte er stundenlang entspannt im selben Zimmer sein und wortlos mit ihr sprechen.

Zwischen den kahlen Bäumen stießen wir im klaren Dezembersonnenschein an, kein Mensch weit und breit.

Dann wurde Kaffee getrunken und mittags gingen wir ins Kino, die Braut im Brautkleid, keine Frage. Was wäre sie für eine Schauspielerin, wenn sie sich diesen Auftritt nehmen lassen würde? Wir hatten, welch ein Glück, einen 300-Plätze-Saal ganz allein für unsere kleine Hochzeitsgesellschaft, wir schauten den neuen wunderbaren Pixarfilm, fragten sehr oft sehr laut, ob noch einer Popcorn will und warfen die Beine über die Reihe vor uns. Am Abend wurden wir in einem exzellenten Restaurant sechs verführerische Gänge lang bekocht. Im Team des Hauses hatte es einst einen Selbstmord gegeben. Der ganzen Belegschaft war es eine Ehre, für den Seelsorger von damals und seine fabelhafte Frau alles zu geben.

Auf das Leben.

 

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