Törchen 6

6.12.

Alljährlich wird in unserem Land das Unwort des Jahres gekürt. Jetzt gerade befinden wir uns in der ganz heißen Phase, denn noch bis zum 31. des laufenden Monats kann ein jeder seine Vorschläge für diese Auszeichnung einreichen.

Wie es sich für eine anständige intellektuelle Jury gehört hat diese sich vor einiger Zeit mit dem Vorstand der federführenden „Gesellschaft für deutsche Sprache“ derart verkracht, sodass sie nun solo unterwegs ist mit einem ganz und gar unsperrigen Namen, der „sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“; die wiederum von anderen intellektuellen Sprachkritikern oft angefeindet wird ob ihrer angeblich mangelhaften Recherche und vorsätzlich irreführenden Lesart. Kurzum: Es handelt sich bei diesen beiden verkeilten Personenkreisen um einen gewöhnlichen Haufen Manufaktum-Kunden mit  Zeit-Abonnement, die wissen, dass die Hauptstadt von Tansania früher Daressalam und heute Dodoma heißt,  die stundenlang  und mit Akribie die Kommentarspalten unter politischen Artikeln im Internet lesen, aber niemals die eigene Position darunter schreiben würden weil ihnen für „so etwas ihre Zeit zu schade ist“, die vielleicht schon einmal eine Gemüsetüte im Abo hatten, und die außerdem  über den groben Plot von Faust I Bescheid wissen oder wahlweise recht firm die ersten fünf Bundesligisten aufsagen können, kurzum: Um Menschen wie Dich und mich.

Die letzten drei Gewinnerworte waren im Übrigen Lügenpresse, Sozialtourismus und Opfer-Abo.

Gerne möchte ich in diesem Jahr eine neue Kategorie erfinden und den UnDIALOG des Jahres küren. Von seinen Verwandten, den Unwörtern, unterscheidet ihn, dass als Auswahlkriterium der Fokus nicht auf sachliche Unangemessenheit oder auf  Inhumanität gelegt wurde, wie es bei den Wörtern „Kollateralschaden“ und „Menschenmaterial“ besonders deutlich zum Vorschein kommt.  „Menschenmaterial“ ist übrigens das Unwort des gesamten 20. Jahrhunderts, und ich befürchte, es hat gute Karten, auch das Unwort des gesamten 21. Jahrhunderts zu werden.

Der Undialog des Jahres 2015 besticht lediglich durch  Monotonie und Vorhersagbarkeit  und des damit einhergehenden Nervpotentials, ähnlich  wie bei einem berühmten Weihnachtssong, der dieser Tage wieder reflexhaft in alle erdenklichen Playlists gestopft wird und dessen Interpret heißt wie Schinken auf Englisch mit einem W davor.

Und so geht er, der Undialog des Jahres:

A: „Das mit dem Terror vom IS ist wirklich schlimm, ne?“

B: „Ja, die Nachrichten von Paris haben mich wirklich erschüttert“

A: „Mich auch. Die Einschläge kommen jetzt halt näher, ne?“

B „Ja. Ich war gestern auf dem Weihnachtsmarkt und da war es mir wirklich ein bisschen mulmig.“

A: „Mir auch. Aber es ist ja immer noch viel wahrscheinlicher bei einem Autounfall zu sterben oder Krebs zu kriegen.“

B: „Ja, aber mulmig ist mir dennoch.

Nichts an diesem Dialog ist faktisch falsch, nichts daran ist anstößig, nichts daran ist bescheuert. Wenn es denn Leuten mulmig zumute ist, obwohl sie wissen, dass ein Sechser im Lotto ähnlich wahrscheinlich ist wie ein explosiv gewandeter Attentäter am benachbarten Glühweinstehtisch, dann muss man das akzeptieren. Und eine gewisse Verunsicherung kann ich sogar nachvollziehen. Dass auf einem Weihnachtsmarkt in Köln am Rhein im Jahre 2015 eine Bombe hoch geht ist immerhin wahrscheinlicher als, sagen wir mal, 1998 in Korschenbroich am Niederrhein, und dass man diesen Fakt dieser Tage stets sprungbereit  in der Hinterrübe aufbewahrt derweil man sich durch angesoffene Menschenmassen schiebt um eine Bienenwachskerze für 13 Euro zu kaufen, darüber hat niemand das Recht zu meckern.

Dennoch geht mir der skizzierte Dialog so derart auf den Pinsel, dass ich immer schnell flüchten muss, wenn er angestimmt wird, und das passiert dieser Tage wirklich oft.  Wir haben nun erst den 5. Dezember, aber ich werde das Thema aufmerksam verfolgen, denn meiner Prognose nach werden wir dieses Jahr den Undialog 2015  öfters hören als das Liedgut des  Schinkensängers.

Vielleicht bin ich in diesem Kasus Knackus aber einfach selbst das einzige Problem. Vielleicht bin ich zu empfindlich. Es gibt immerhin ein paar mehr sprachliche Gegebenheiten, die mir durch schlichtes zu häufiges Wiederholen langweilig werden. So möchte ich die Gelegenheit beim Schopfe packen und noch eben schnell einen Satz zum „Unsatz des Jahrzehnts“ küren, und zwar diesen: „ Ich kann mir einfach keine Namen merken.“

Gerne gepaart mit dem nicht minder öden Nachsatz: „ Also Gesichter schon, aber Namen leider überhaupt nicht.“

Bisher bin ich stets höflich geblieben, obwohl ich schon manches Mal gerne folgende Replik geblökt hätte: „Das geht allen Menschen so, Du Nuss! Das ist nichts Individuelles! Das Gehirn fängt Bilder schneller ein als Worte! Merk Dir das! Schau genau in mein Gesicht und merke Dir: diese Fresse war gerade richtiggehend rüpelhaft zu Dir! Und diese Fresse heißt Nina“

 

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