Törchen 7

7.12.

Heute hatte ich eine Bahnfahrt der erquicklichen Art. Die kann man immer haben, das hat rein gar nichts mit dem Dezember zu tun. Erzählen will ich es trotzdem.  Das Wetter war mild, trocken und unverhohlen freundlich und veranlasste mich zu folgender Ansage im Geiste:

„Verehrte Leugner der Klimaerwärmung, wir haben Montag, den 7.12. und heute ist ein guter Tag für Sie. Wenn Sie sich richtig gut anstellen könnten Sie heute noch etwas lernen. Was Sie dafür tun müssen? Wahrlich nicht viel! Ich bitte Sie, zapfen Sie sich eine Tasse Kaffee und ziehen Sie sich einen luftigen Anorak über. Es ist jetzt 13 Uhr, die Sonne lacht, und Sie gehen nun bitte kurz vor die Türe. Ob zuhause oder im Büro- ganz egal! Dann lehnen Sie sich an eine sonnenverwöhnte Wand, legen den Kopf bitte schmusebereit  an den angenehm warmen Zement und nun dürfen Sie überlegen, was Ihrer Muddi zu Weihnachten gefallen könnte. E ist nämlich nicht mehr lang. Und nun: finden Sie bitte den Fehler!“  

Meine Mitmenschen waren durch das Wetter einen erklecklichen Tacken besser gelaunt als gewohnt.  Eine Ausgeburt an Skurrilität nahm ihren Lauf bereits auf dem Weg zum Schauplatz, seines Zeichens U-Bahnstation Hauptbahnhof Bonn, dem Superlativ an Schäbigkeit. Allein der dort verlegte Fußbodenbelag  bringt einen allenthalben aus dem Konzept. Er mag praktisch sein oder aber eine preisbewusste Entscheidung der ausgehenden achtziger Jahre, in jedem Fall besteht er aus noppeligem Plastik und wirkt ganz und gar wie eine plane Fläche aus bündig zusammen geschmolzenen XXL-Legosteinen in uni. Für sich genommen gemahnt er eher an den Fußboden der Igelgruppe im Kindergarten „kleine Abenteurer“ und er wirkt obendrein, als könne man sich beim Drauffallen auf keinen Fall wehtun. Wäre unser Hauptbahnhof ein bisschen weniger schmockig, und mein Wunsch, ein anerkanntes Mitglied unserer Gesellschaft zu sein ein bisschen geringer ausgeprägt; ich hätte es getestet. So blieb ich stehen, läuerte auf die Anzeigentafel der Linie 16 und schaute mir die Menschen an. Erstes Observierungsobjekt: eine dicke Frau in meinem Alter mit einer ähnlich prall gefüllten Apothekentüte und sehr viel Hektik in allen Gliedmaßen. Dauernd holt sie ihr Smartphone aus der Jackentasche und begleitet sich bei diesem Vorgang stets selbst theatral mit  geräuschvollen Atmern der Genervtheit.

Dann tut sie etwas ganz und gar unerwartetes: sie holt aus Manteltasche Nummer zwei einen Labello classic hervor, fährt damit zwei Runden übers gestresste Mundwerk und schmiert danach mit gekonntem Strich beide Augenbrauen der Länge nach kräftig ein. Sie endet mit einem strahlenden Lächeln in meine Richtung; ich fühle mich zu recht ertappt und strahle zurück als würd ich täglich sehen, was sie grad tat.

Neben mir wuselt eine Kindergartentruppe mit Warnwesten herum und streitet darüber, ob das Blaue auf der Landkarte im Glaskasten „einfach nur ein Kringel“ oder „eine Dschungelschlange“ ist.  Wie ihnen ihre sehr geduldige Gärtnerin namens Uschi erklärt handelt es sich dabei um den Rhein. Von links kommt nun ein Gothicpärchen gelaufen, sie ist ein normales Gothicmädchen, also eigentlich sehr unbesonders gekleidet nur eben in schwarz mit überdurchschnittlich vielen Ohrlöchern. Ihr Begleiter allerdings, ein wahrer Beau seiner Szene, trägt auf den spiddeligen Schultern einen beigen Brokatmantel samt Samtbesatz aus dem Fundus eines Louis-quatorze-Verehrers. Über den Mantel fällt sein offen getragenes vollkommen volumenbefreites und durch übermäßiges schwarzfärben auch gänzlich glanzloses Haupthaar. Des Sonnenkönigs Trenchcoat kombiniert er spitzfindig mit schwarzen Leggins und einer Art postmodernem Schnabelschuh im selben Ton.  Er allerdings fühlt sich prächtig und herrschaftlich, das sieht man ihm an und das allein sollte Hauptsache sein.

Sodann wird sich in die Bahn geworfen, die nach Anfahrt drei weiterer Stationen überquillt vor Schülern, stramm auf dem Weg in die Pubertät, auch bekannt unter „Stinkealter“. Es ist diese Zeit, in der der Körper bereits eine annähernd erwachsene Duschfrequenz einfordert, der Bewohner des Körpers aber gerne weiterhin im Peter Pan-Land der Wasserverachtung leben möchte. Eine schlimme Zeit. Mir fällt nochmal sehr deutlich auf, dass für dieses Alter, männlich wie weiblich, ein universell gültiges Adjektiv existiert: aufgebracht.

Die Jungs debattieren durchgehend heftig; eine besonders ausufernde Diskussion behandelt den Namen des ebenfalls anwesenden Familienhundes eines ca. 12 Jungen. Das Tier heißt Fussel und ich staune nicht schlecht über die zahllosen stichhaltigen Argumente beider Seiten. Kleiner Einblick:

„Aber wenn er doch gar nicht fusselt ist es ein dämlicher Name weil es eine Lüge ist.“

„Ja aber das wussten die Leute vom Tierheim doch nicht, die fanden, dass der aussieht wie ein Fussel“

„Der sieht nicht aus wie ein Fussel der sieht aus wie ein kleiner Hund.“

„Aber wenn der Hund ein Fussel wäre dann sähe der genau so aus, in Hundeform halt.“

Ungefähr da schalte ich ab und wende mich mit zwei schnepfigen Mädchen zu, bei denen ich mich just, also 31jährig und scheinbar wahnsinnig unreif, bei dem Gedanken erwische, gerne mit ihnen streiten zu wollen. Ich nenne sie Vanessa und Larissa und Vanessa und Larissa haben wahnsinnig viel zu bekakeln und müssen sich mehrfach sehr wichtig hinter anderen Reisenden „vor dem Spasti“ verstecken, stets begleitet von hysterischem Gekicher und unbeherrschten Pferdeschwänzen.

Ich bin oft froh, nicht mehr 13 sein zu müssen; heute wurde ich geradezu überschäumend fröhlich über diesen Fakt. Sodann schenkte ich meine Aufmerksamkeit zwei ruhigeren Schülern die tatsächlich über Hausaufgaben sprachen und hörte den verstörendsten Satz der gesamten Bahnfahrt: „Die Frau Renke meinte, meine horizontalen Deutschkenntnisse wären mangelhaft.“ Was will er denn nur sagen? Ich rätselte darüber noch lang. Aus meinen Gedanken riss mich nun ein weibliches circa sechzigjähriges Horst-Schlemmer-Double welches extrem angestrengt mit entblößtem Überbiss versuchte, die Stationsanzeige zu lesen. Ab hier musste ich mich nun wirklich zusammen reißen vor lauter Spaß. Zu allem Überfluss setzt sich jetzt ein Mann neben mich, blondgefärbt und igelig gegelt, mit der Königin der Stonewashedjeans als Beinkleid, seine Jacke ist rot und daunig, die Sonnenbank ist seit Jahren sein Freund. Mehrmals versucht er Menschen anzurufen von einem seiner zwei identischen Smartföner, vergeblich, er macht abschätzige Schnalzgeräusche, damit auch ich protokollieren kann, dass er leider gestresst ist. Dann scrollt er in seinem Telefonbuch rauf und runter und ich erhasche einen Blick auf folgende Namen: Nicole 1. Nicole 2. Nicole 3. Und zum Schluss: DJ Nobody.

40 Minuten virtuosen Kammerspiels für nur 7 Euro 70 auf dem Weg zwischen Bonn und Köln. Heute meckere ich über diesen Preis ausnahmsweise nicht.

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