Törchen 8

8.12.

Es ist Dienstagvormittag, ich sitze allein im Auto und fahre nach Wetter an der Ruhr. Ich hole Amer und Ibrahim ab, zwei Jungs aus Damaskus, 22 und 24 Jahre alt. Sie werden ab jetzt bei meinen Eltern leben. Wir kennen uns schon, trotzdem bin ich ein bisschen aufgeregt.

Ich bin zum ersten Mal in einem Flüchtlingsheim. Es sieht ungefähr  so aus, wie ich es mir vorgestellt habe, nur dass ein verwöhntes und verschontes Köpfchen wie das meinige sich den Detailreichtum an Tristesse nicht ausmalen konnte.  

Ich bin mitten im Nichts. Eine Autobahnauffahrt, ein Aldi und eine Tankstelle, neben dem Aldi eine Koppel mit vier Pferden darauf.

Das Auto parke ich direkt vor dem Mehrfamilienhaus aus Waschbeton, auf einer lehmigen Wiese. Neben mir befindet sich, ebenfalls eingefasst in Waschbeton, der Müllplatz, viele Papierchen und ein Netzbeutel mit ein paar verlorenen hellgrünen Rosenköhlchen liegen daneben. Aus dem Fenster winkt mir Ibrahim, der kaum englisch kann, und kommt herunter. Aus einigen Fenstern wird nun neugierig herausgelugt. Ich erwische mich bei einem Gedanken an ein schlechtes Fernsehfilmsetting: Reiche Alte aus der Stadt steigt auf einem Bauernhof aus ihrem gepflegten BMW und alles an ihr schreit plötzlich Fremdkörper. Ein unpassender, dämlicher Gedanke, aber was soll ich machen, ich hatte ihn. Ibrahim erklärt mir,  Amer sei noch Zigaretten kaufen. Er sagt „come in“ und ich steige die Metalltreppe zu der drei-Zimmer-Wohnung hinauf, in der sie seit vielen Wochen untergebracht sind. Auf dem Fußboden speckiges Linoleum, überhaupt ist alles in dieser Wohnung mit einem leichten grauschmierigen Schmand überzogen. Das Haus wurde wohl extra für Flüchtlinge gebaut, allerdings bestimmt nicht für die jetzige Situation. Ich schätze, dass hier während des Jugoslawienkriegs schon Flüchtende untergebracht waren, alle bleiben ein paar Tage bis Monate, niemals wurde etwas renoviert oder auch nur gestrichen. Ich möchte auf Toilette und sehe Hektik in Ibrahims Augen. „Terrible“ sagt er und führt mich zu einer Gästetoilette, alles darin ist gelb bis grau, es riecht nach Ammoniak, der Deckel des Spülkastens ist abgerissen und liegt daneben.

Später erzählen sie, wie er zu Bruch ging; ein albanischer Mann schimpfte den niemals putzenden Iraker aus,  riss den Deckel in seiner Wut ab und warf ihn auf ihn drauf.

In ihrem Zimmer stehen ein Einzelbett und ein Stockbett,  zwei Bücher und die Badezimmersachen sind ordentlich auf einem Beistelltisch aufgereiht. Die Wände haben sie mit Halloweendeko und ein paar Comicpostern verziert, die ihnen ihr Kumpel Jan geschenkt hat. Jan ist ein Freund meiner Schwester Olivia und Musiker. Vor zwei Jahren wurde er von Amer angeschrieben, ob sie nicht mal einen Song zusammen machen möchten. Das taten sie. In diesem Sommer meldete sich Amer mit der Nachricht, er und zwei Cousins seien nun unterwegs nach Deutschland.

Auf der Autobahn versuche ich die Nachrichten des Radios zu übersetzen, da beide das Wort Syrien gehört haben. Ich krüppele mir einen zu recht. Als wir einen stinknormalen LKW überholen sagt Amer, dass das ein Schmuggler sein könnte. Wie er auf die Idee käme, für mich sei es einer wie alle anderen. Er weist mich auf ein paar Details hin; das ungarische Kennzeichen, keine Werbung auf der Plane, ein eher ranziges Modell, die Plane an manchen Stellen ausgebeult. Er sähe genauso aus wie der, in dem sie gesessen haben.

Schweigen. Was ich gerade fühle, soll sich im Kontakt mit diesen neuen Bekannten noch oft wiederholen. Durch ihre Erfahrungen reißen sie immer wieder Löcher in Fassaden meiner bekannten Welt. Mein Kopf ist viel mit den Flüchtenden beschäftigt, seit Monaten. Aber auf der A3  den Gedanken zulassen, dass man just vielleicht Dutzende zusammengepferchte Menschen überholt, die im Dunkeln ins absolut Ungewisse fahren, direkt neben einem, das reißt einen Spalt in die vertraute Realität. Man weiß, dass es da ist, aber es bleibt trotzdem immer in abstrakter Ferne. Bis man diese zwei Jungs im Auto hat, die von ihrer eigenen Route berichten. Zweimal sind sie mit Schleppern per LKW gefahren. 500 Euro pro Person und Fahrt für jeweils ungefähr 300 Kilometer. Die Schmuggler sind wohl die kleinsten größten Kriegsprofiteure dieser Tage, denke ich.

Am Abend fahren wir alle zusammen ins Literaturhaus Köln. Die syrische Journalistin Samar Yazbek ist da, die Veranstaltung läuft jeweils hälftig auf deutsch und arabisch. Ich bin angespannt, da ich diesen Konflikt nicht annähernd  erfasse und ein bisschen Angst habe, die beiden in etwas gezerrt zu haben, das sie wütend macht.

In gewisser Weise ist das auch der Fall. Im letzten Drittel verlassen sie den Saal. Vieles, was Frau Yazbek berichtet, seien Lügen, es könne nicht stimmen. Ein Unterkommandeur der Nusra-Front, einer salafistischen Organisation die zu Al Kaida gehört, würde niemals mit einer fremden Frau sprechen, erst recht nicht mit einer Journalistin. Er hätte sie wohl eher einfach umgebracht. Frau Yazbek behauptet, ein Interview mit ihm gehabt zu haben.

An diesem Abend treffe ich eine kleine Entscheidung. Ich gebe nun vorerst auf, diesen Konflikt zu verstehen. Die Erzählungen einer assadkritischen Autorin, die mehrere wohltätige Organisationen unterhält und jeden Abend in einer anderen europäischen Stadt aus ihrem Buch liest, für das sie verdeckt noch einmal in ihre Heimat zurück gekehrt ist, um die Zuhörer für die Gräueltaten in Syrien zu sensibilisieren, decken sich in keiner Weise mit den Erfahrungen von Amer und Ibrahim. Sie selbst sagen mir auf meine Nachfrage immer wieder, sie könnten mir den Konflikt nicht mehr erklären. Mittlerweile sei Syrien nur noch die Arena für die Interessen verschiedener Big Player. Es sei nichts weiter als ein großes blutiges Spiel.

Wenn sie es nicht verstehen, wie soll ich das können? Ich werde meine Energie verstärkt einsetzen für die Dinge, die ich in der Hand habe: Ihnen soweit ich kann den Einstieg in ein neues Leben erleichtern.

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