Törchen 9

9.12.

Heute richten wir in meinem Elternhaus ihre Zimmer ein. Auch hier kommt wieder ein ausgereiftes soziales Spinnennetz zum Tragen; viele Bekannte meiner Eltern haben Bescheid gegeben, welche Möbel sie erübrigen können und so tuckern mein Vater, die beiden Jungs und ich den halben Tag quer durch den Rhein-Siegkreis und sammeln alles ein.

Nachmittags bekommt Ibrahim einen Bildanruf von seiner Mutter und zeigt ihr sein Zimmer, führt sie mit dem Handy durch Haus. Wenn er auf einen von uns stößt sagt er unsere Namen und wir winken etwas unsicher in die Kamera.  Als diese auf meine Eltern gerichtet ist, die gerade nebeneinander stehen, höre ich seine Mama weinen und vielfach Thank You sagen. In der nächsten Stunde zieht sich jeder von uns mal in einen stillen Winkel zurück. Wir können nichts lindern.

Am Abend möchten sie für uns kochen. Der Verkäufer im arabischen Supermarkt und sein Gehilfe legen augenblicklich die Arbeit nieder, als wir gemeinsam den Laden betreten. Scheinbar sind wir ein seltenes Gespann. Nach einer Minute fragt mich der Boss, ob ich deutsch spräche und auf mein Nicken hin stellt er eine zweite, recht sonderbare Frage: mit welchem der beiden Männer ich verheiratet sei. Es dauert ein bisschen, bis er versteht, in welchem Verhältnis wir zueinander stehen, dann stellt er den Jungs noch ein paar Fragen, in denen ich die Worte Syrien, Irak und Afghanistan ausmachen kann.  Auf dem Weg zum Auto wird mir erzählt, dass der Kioskmann behaupte, er sei Afghane, sie ihn vom Akzent aber eindeutig als Iraker identifizieren würden. Welche Motivation hätte man, so etwas zu behaupten? Vielleicht weil man etwas zu verstecken hat, bekomme ich zur Antwort.

Schon wieder so ein Realitätsknick. Scheinbar lauern an allen Ecken und Enden Parallelwelten. Mich macht das nervös.  Ich berichte ich ihnen, was ich gefragt wurde, und wir beschließen, dass wir, sollte diese Frage nochmal kommen, antworten werden: mit beiden. Und Nummer drei wartet im Auto.

 

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