Lebensspenderinnenspeck

Grundsätzlich hat man ja den Hang dazu, in der Innenwahrnehmung etwas scheußlicher zu sein als in der Außenwahrnehmung und das gilt gleichermaßen für das Innere und das Äußere. Momentan erlebe ich, erstmalig im Leben, täglich das überraschende Gegenteil. Vor vier Monaten habe ich ein Kind geboren. Dann tat ein paar Wochen lang jede Zelle weh, doch nun fühle ich mich wirklich gut. Ich schwinge mich sogar zu der Aussage auf: so gut wie nie. Das ist höchstwahrscheinlich Quatsch, spiegelt aber deutlich wider, dass es mir wirklich gut geht. Den Glücklichen gehört der Superlativ, wusste ja schon Dostojewski. Ich fühle mich wie ein seksi Mamamann mit Kurven und Verve, ich gehe unbewusst davon aus, von einnehmender Milfigkeit umgeben zu sein die wie eine noble Parfumwolke um mich herum wabert und natürlich wabert sie angemessen nobel und dezent. Mein Haar hat den Undone-Look einer attraktiven Camperin/Surferin/beides gilt. Meine Hände sind sowieso momentan ausnehmend schön und erinnern mich, wenn sie mein Baby berühren, daran, wie schön ich die Hände meiner Mutter immer fand wenn sie mich berührten. It´s se sörkel of leif, ich gebe dieses feeling hoffentlich weiter. Von innen meine ich so auszusehen wie immer, wenn auch mit hier und da noch etwas Lebensspenderinnenspeck, sympathisch verteilt auf boobs und Bauch. Jetzt reicht es aber auch, mit den Anglizismen. Stop it.

Nur so ist es zu erklären, dass ich alle paar Tage mit naiver Vorfreude die Kleiderschranktüren aufreiße und etwas herauszerre, das meine seksimamamannigkeit ganz sicher noch unterstreichen wird. Fünf Minuten darauf sieht man mich mit gesenktem Kopp in der Wäschebütt wühlen wie ein trauriges Hündchen, das seit Stunden Loch für Loch nach seinem Knöchelchen buddelt. Dort nehme ich mir dann eines der drei passenden und stillkompatiblen Shirts heraus. Nie landen sie im Schrank weil sie frisch aus der Wäsche kommend schon wieder übergeworfen werden. Ich machte sie zu traumlosen Workaholics, während hinter den Schrankladen der degenerierte Kleideradel das Sonnenlicht meidet und Earl Grey trinkt. Längst nicht sehe ich so aus wie ich mich fühle. Längst nicht. Ich ziehe Shirt 2-von-3 über und denke mal wieder: noch zwei Wochen. Dann passt der ganze tolle alte Kram, dann wirst Du wieder alle deine Kleider tragen. Und bis dahin? Tchja. Wenig Spiegelkontakt ist die Devise, und wenn man doch mal an einem vorbei schlendert flugs den inneren Morningshow-Privatradiomoderator ein paar gut gelaunte Sätze sagen lassen. „Hey! Lieber dicke Arme als arme Dicke!“ „Heyheyho, hier ist dein inneres Radio Goldio und wir lieben deinen Po!“

Und davon ab: mein Baby ist ein solcher Knaller, dass ich mit Handkuss und für immer mit acht dicken Armen und Kinnen herumliefe als octopus adipositas und trotzdem wäre ich ein ziemlich glücklicher Mutterkraken. Und dazu wohl endlich erfolgreiche Multitaskerin. Darauf ein Magnum.