Kleine, sehr späte Schreitherapie anlässlich meines ersten Shitstürmchens.

„Liebe FR Goldberg, möchten Sie mich für blöd verkaufen? Wir reden hier die ganze Zeit nicht um Einzelfälle“.

Ungefähr so harmlos ging es los, als ich vor einiger Zeit einen Bericht über unsere Familiensituation bei der HuffPost veröffentlichte, einem doch extrem nervigen Geschäft, aber hinterher ist man ja immer schlauer. Es schien mir damals wie eine schnelle und unkomplizierte Möglichkeit, ein paar vielen  Fremden von unseren Erfahrungen zu berichten, die ich gerne geteilt sähe, nach wie vor.

Falls noch jemand ins Thema geholt werden möchte: in meinem Elternhaus leben Syrer, mittlerweile noch drei an der Zahl, und sie haben uns überraschenderweise noch immer nicht abgestochen. Zwar rechnete ich fest mit viel trolligem, magensaurem Dampf in der Kommentarspalte, aber die Flut an Hass und Irrsinn, die sich nach kürzester Zeit im virtuellen Orbit zusammenfügte, hat mich dann doch kurz erschrocken. Erwischt.

Fürs weitere Prozedere sei im Übrigen gesagt: alle Zitate schreibe ich so auf, wie ich sie vorgefunden habe. Die Klaviatur der Kommentare reichte vom berechenbar langweiligen, erhobenen Mäusefäustchen á la

„nach der nächsten Bundestagswahl mischt die afd mit freunde.zieht euch warm an, es wird zeit das in deutschland wieder ordnung herrscht.“ 

Da könnte man höchstes ein „Thema verfehlt“ anmerken; bis hin zu wahrer Krudität wie dieser:

„Das hat er aber schön gelernt hättest du es nicht ein bisschen unauffälliger erzählen können und mich hat einer zum Mars begleitet Idiot“

Äh, ok. Verstehe ich wirklich null was Sie mir sagen möchten, Herr Gernot T. mit einem „unsere Fahne unser Land“ –Titelbild, muss ich so stehen lassen. Ich muss das sowieso alles so stehen lassen! Es gibt wahrlich nettere Zerstreuungen als mit hassigen Internetusern zu debattieren. Anders ist der Fall gelagert, wenn diese sich tatsächlich in der eigenen Freundesliste befinden, da sie mal neben einem in der Schule saßen oder man sich vor Jahren Kellnerschichten teilte, da gehört sie wohl hin, die Debatte. Aber diese große abstruse online-Welle parieren zu wollen wäre ausgemachter Schwachsinn gewesen. Obschon es mich natürlich einige Male in den Fingern juckte. Wie zum Beispiel hier, beim Kommentar von Paul S.:

„Wenn ich das aber nicht möchte, soll ich ich mich dann dazu zwingen?Ausserdem engagiere ich mich schon für Menschen denen es schlecht geht, wird ihnen Frau Goldberg aber nicht gefallen, denn es sind deutsche.“

Ganz logische Verkettung: da meine Familie Kriegsflüchtigen aus dem Orient eine Bleibe bot, verachte ich natürlich  Engagement für deutsche Bedürftige, was sonst. Deutsche! Bah! Araber sind der heiße Scheiß!  Aber auch dort hielt ich mich vornehm zurück. Da allerdings auch Bemerkungen kamen wie „Ich ficki ficki deina tochta“ (Felix S., Profilbild: kleines Ferkel mit Westernhut und Halsband) und diese unangefochtene Nummer eins hier:

„Die lässt sich bestimmt von den 4 fachkraeften abends richtig durchnudeln. Pfui deibel, das nennt sich deustch“,

möchte ich mich nun, im geschützten Rahmen dieses Textes, ähnlich einem begleiteten Minipilztrip, einfach mal ein Viertelstündchen gehen lassen. Frei nach dem Motto „Wenn Du weißt wer mich bumst, dann weiß ich wie Du lebst und riechst“ reiße ich nun die Klischeeschubladen auf und lasse eine Verachtungshämorrhide weit aus dem Hintern baumeln, werte Eure facebookbilder und gebe mir einfach mal keine Mühe. Es sich mal 15 Minuten so richtig einfach machen, das will ich jetzt tun.

„Eure Story spiegelt aber nicht unbedingt das wieder was im wahren Leben geschieht.“ Ach nein, liebe Silvia M. mit BVB- Profilbild und einem rosa Strasssteinchen in eine Furche der rosettigen Oberlippenhaut gestanzt, ich lebe also gar nicht im wahren Leben? Hm.  Die letzten 30 Jahre fühlten sich so verführerisch echt an! Sorry,  bin froh, dass Sie mir aufgezeigt haben, dass ich in einer Art rheinländischen Variante der Truman-Show groß wurde. Ich muss aber sagen, ich habe mich daran gewöhnt und möchte gerne so weitermachen, so ganz ohne Ihre Weisheiten aus dem realen Leben, Frau M., und bitte auch ohne Ihre Bilder, auf denen Ihre wirklich erbärmlich stumpffellige Katze auf Ihrer in den 90gern schon durchgepupsten grellen Rotzcouch abhängt und von Ihnen „mein engel“ genannt wird. Ich höre es förmlich knistern, wenn ich mir vorstelle, wie Sie mit ihren langen Schüppen (würden Sie mal ein Jahr das Geld sparen, was sie für Gel-Nägel ausgeben, es spränge ein Kleinwagen dabei heraus) durchs Katzenfell fahren und es kaminlich knackst vor lauter polyesterner Elektrizität. Auf eine Welt, in der diese lausige Katze mit PMS-Gesicht als Engel gilt und die Zugehörigkeit zu einem Fußballverein scheinbar verpflichtend ist (in ihrer Freundesliste haben irgendwie alle so ein Fußballumrandungsprofilbild) möchte ich verzichten. Lassen Sie mir bitte meine Truman Show und die dahin verfrachteten schauspielenden jungen Leute aus Syrien. Die sind irgendwie spritziger als Sie. Vielleicht besuchen Sie einfach mal Klasse zwei der von Ihnen als Bildungsstätte angegebenen „Schule des Lebens“; nur ein Vorschlag, dann könnten Sie mich nächstes Jahr noch umfangreicher belehren.

So, nun zu Dir, Adam L. mit einem Waschbär als Profilbild. „Im besten Falle ist diese Geschichte einfach nur erfunden.“ Was wäre im schlechteren Falle Phase? In deiner holzvertäfelten Dachgeschoßwohnung, die Du glücklicherweise nur verlässt, wenn Du Deine Pfanner Eistee-Vorräte auffüllen musst, wirst Du ja tagtäglich tätlich vom Flüchtling angegriffen, überhaupt hat sich Dein Leben ganz dramatisch verschlechtert, seit Du gelesen hast, dass da mehrere Hunderttausend Menschen ins Land kamen. Ach, Du siehst die auch? Im Supermarkt? Zapperlot. Fuchtel mir nicht mit deinem kaltfeuchten Blassfinger  vor der Nase herum und hör auf zu dozieren, ja? Hänge bitte einfach weiter in Call of Dutyien herum, dem Land, in dem Du Dein umfangreiches Kriegsführungswissen sammeltest und weswegen Du in einigen Kommentarspalten schon wortreich geschildert hast, wie dieser Konflikt „da unten“ im Handumdrehen zu lösen wäre. Echt ärgerlich, dass Dir keiner zuhört, der Assaddrops wäre ja längst gelutscht.

Nun zu Kommentarkönigin Gloria F., die sich mit ihrer orgonitbesetzten Alukrone spitzfindig folgendes fragt: „GOLDBERG ist der Name der Verfasserin dieses Artikels. Seltsam!!??“ Gloria F. ist übrigens, wie man der Facebookchronik entnehmen kann,  ein 78jähriger Mann, der seit geraumen Jahren in Thailand lebt mit einer circa halb so alten Thaifrau an seiner schwammigen Seite.  Kannste Dir nicht ausdenken. Ihr seid mir besonders lieb,  die ihr  seit tausend Jahren nicht in Deutschland lebt;  die ihr unterm Ventilator in Lhong Podhong o.ä. klingendem Strandparadies vor Eurem grauen Rechner sitzt und die Lage der Bundesrepublik seziert, derweil Eure stramme Begleiterin selbiges mit Frischfisch tut, den sie Euch später am gedeckten Tisch kredenzen wird, an den ihr euch im bunten Hemd eierkratzend niederlasst, sofern es Euch beliebt. Ihr rothäutigen Langeweiler, die mit den kleinen Scheinchen Eurer mauen Rente in Südostasien herum winken musstet, um Euch endlich mal wie wer zu fühlen, Ihr seid wirklich die ganz großen Weltmänner. Was wären wir ohne Euch.

So.  Das ging schnell. Es geht mir bereits besser. Hat mich jemand gesehen? Nein? Gut. Schnell den Staub abklopfen und mein Hasshörtchen verlassen, wieder unterm Tisch hervorklettern und mir Tee einschenken lassen. Unterirdisch? Ich? Niemals.