Nackenfaltenmessung ohne mich.

Wenn man schwanger ist muss man eine Wahl treffen: Pränataldiagnostik ja oder nein. Im letzten Jahr entschieden wir uns dagegen.

„Machen das denn andere Leute auch so?“

„Was die anderen machen sollte ja grundsätzlich egal sein, an dieser Stelle aber ganz besonders.“

Antwortet mir meine Frauenärztin, wie immer angenehm resolut und ohne heißen Brei. Wir haben uns gerade gegen das Ersttrimesterscreening entschieden, ein Verfahren, bei dem das Down-Syndrom, andere Chromosomenabweichungen und Herzfehler aufgedeckt werden können. Eigentlich fühlte ich mich mit dieser Entscheidung ziemlich wohl; sie war eindeutig und in ehelicher Einigkeit beschlossen worden. Nun aber, auf dem roten Lederstuhl in der mir doch schon vertrauten Praxis, erscheint es mir plötzlich abstrus, die Gelegenheit, Dinge zu kontrollieren, einfach verstreichen zu lassen. Weil eigentlich kontrolliere ich ganz gerne Dinge.

Nach dem Termin wird ein Schnitzelbrötchen gekauft und im Auto verspeist, noch immer freue ich mich über das Gezappel, das uns die Ärztin heute auf dem Monitor zeigen konnte. Ein unförmiges, unwirsches, ganz tolles Miniwesen. Wir fahren an diesem Donnerstag in die Eifel, in das feine, etwas marode Ferienhäuschen unserer Freunde.  Mein Mann kennt die Strecke gut, ich muss mich um nichts kümmern und nicht mitdenken. Ich starre Regenwolken an und Windräder und muss heulen.  Nicht schon wieder. Mein Leben lang schon heule ich schnell, gut und kräftig; diese Hormonkacke  allerdings sorgt dafür, dass jedes kleine Überforderungsgefühl mindestens eine tränenreiche Viertelstunde nach sich zieht. Ich bin mir peinlich.

Die LKWs werfen zu allen Seiten mit gräulichem Sprühregen um sich, ich denke mir Szenarien aus. Das kann ich ausgezeichnet. Ich sehe uns als Paar mit einem mehrfach behinderten Kind, mit der ausufernsten Behinderung die ich mir als Laie ohne Ahnung ausmalen kann. Ein Körper in Menschenform, niemals in der Lage trocken zu werden, sprechen zu lernen, auf Gesichter zu reagieren. Ein Fleischhaufen mit Metabolismus, den wir gemacht haben und der uns trotzdem fremd bleibt, den ich nicht kennen lernen kann und der keine erkennbaren Stimmungen und Gefühle hat. Wahrscheinlich gibt es sowas gar nicht. In meinem Szenario gibt es das aber, in brillanter Farbqualität, und wir bekommen es weil der Mann beeindruckende Mengen hochpotenten Hollandgrases rauchte in seiner Kindheit und Jugend, und weil ich kein Obst mag und vielleicht Scheißgene habe, weiß man ja nicht. Zack, Gendefekt hoch tausend. Zack, Heulanfall hoch tausend. Wir haben keine Taschentücher im Auto, irgendwann geht es nicht mehr anders, ich schnäuze mich kräftig in ein Handtuch. Ungeschminkt, mit wahrlich schäbig herausgewachsenem Haaransatz weil Färben ja vielleicht für den Fötus Gift ist, trage ich mit leieriger Heulstimme Worst-Case-Szenarien vor, derweil ich mir mit seinem Duschhandtuch den Rotz aus dem Gesicht wische. Wo ist der Pokal mit dem güldenen Plakettchen „sexiest wife 2016, Euroleague“?

Wie machen das Frauen, die sich von ihren Männern weniger geliebt, begehrt und beherbergt fühlen? Ich versuche, mich auf die fluffige Wochenendstimmung zu besinnen, die ich vor dem Arzttermin hatte, aber es gelingt mir nicht. Mein Mann fährt auf der linken Spur und hält mir einen ruhigen Vortrag. Einen, dem ich gerne lausche. Er hat gute Argumente, er kennt mich und uns. Er prophezeit mir eine Riesenparanoia und ewige innere Hektik, sollten irgendwelche Marker bei einem solchen Test geringfügig auffällig sein. „Und wahrscheinlich ist dann im Endeffekt doch nix und der Popanz ist gesund und du hast dafür sechs Monate Panik geschoben. Du bist so entspannt momentan, lass das nicht kaputt machen.“  Er besinnt mich darauf, dass wir keiner Risikogruppe angehören. Und darauf, wie viele nahe Menschen wir kennen und kannten, die in engen Zusammenhängen mit Behinderten leben und arbeiten. „Wir kennen die geballte Behindertenkompetenz.“ sagt er. „Wir hätten jede Unterstützung.“

Lange Pause. Der Regen lässt nicht nach, wir verlassen die Autobahn und schnüren uns über die Landstraße tiefer in die Eifel hinein. Dunkelgrüne Täler voller Tannen wechseln sich mit hellen Dörfern und bewirtschafteten Feldern ab. Ein kleines Stück des Weges ist gesäumt von sattgrünen Wiesen mit klüftigen Felsen und Kühen darauf, es sieht vollkommen irisch aus und wir weisen uns eigentlich jedes mal gegenseitig darauf hin, wie hübsch das doch ist.

„Und, Nina, Du hast es doch eben zappeln gesehen.“ Pause. Kreisverkehr, Blinkergeräusch, verlassene Kneipe mit Bitburger-Pils-Schild auf der rechten Straßenseite,  und weiter geradeaus.  „Wir lieben es doch schon.“

Die Mischung aus frischem Träneneinschuss und der nassen Frontscheibe verpasst mir eine Sehfähigkeit von ungefähr minus acht Dioptrien. Recht hat er. Wir lieben es bereits. Er wiederholt die eigentlich beruhigende Zahl, dass achtzig Prozent der Behinderungen eh während der Geburt oder danach entstehen, es geht hier also um läppische zwanzig Prozent. Aber Zahlen sind Zahlen; hilfreich, wenn man schon wieder auf der richtigen Spur ist, dann können sie einen darin wirklich noch sicherer machen. Sitzt  man aber noch mit Full Speed im subjektiven alles-wird-ganz-schlimm-Zug, dann sind Zahlen ein unnützes Abstraktum, das Gegenüber könnte in diesen Momenten statt Prozentzahlen auch unzusammenhängende Silben wie „Plü“ und „Rof“ sagen, der Effekt wäre der gleiche. Ich höre also die Zahlen, meine Stimmung hört sie aber noch nicht. Innerlich raufe ich mir weiter das schäbige Haupthaar. Meine Stimmung hört einige Momente später das: „Wir haben doch auch zusammen schon viele Behinderte kennen gelernt, ganz viele verschiedene. Das sind doch alles zufriedene Leute.“ Er überholt einen grüngelben Traktor und fummelt sich ein Minzbonbon aus der Mittelkonsole. „Und ich glaube, dass es darum beim Kinderkriegen geht. Um die Erzeugung von zufriedenen Leuten.“ Ich nicke.

Nun fangen langsam die verrückten Dorfnamen an,  gerade passieren wir Oberlauch. Wenn’s ein harter Trottel wird, dies Kindchen, dann nenne ich es so. Über Inklusion denke ich nach, ein hippes Wort. Für Inklusion wird Geld ausgegeben, es wird Werbung gemacht dafür. Offiziell wollen wir alle ganz dringend ein inklusives Miteinander.  Gleichzeitig legt es eine Gesellschaft voller Chorionzottenbiopsien, Fruchtwasseruntersuchungen und Nabelschnurpunktierungen komplett darauf an, bloß keine vermeidbaren Behinderten mehr auf die Welt kommen zu lassen. Ist das widersprüchlich und irgendwie paradox oder kommt mir das gerade nur so vor?

Das nächste zu durchfahrende Dorf ist die Fuchswiese, es läutet das letzte Streckenstückchen ein. Jetzt ist es nicht mehr weit. Ein kurzer Zwischenstopp in einem auf thailändischen Standard heruntergekühlten Supermarkt, in Kombination mit dem feuchtwarmen Tagesklima ergibt das ein bisschen ein Tropengefühl. Und ein Tropengefühl bindet mich atmosphärisch noch mehr an den weisen Scheißer von Ehemann an meiner Seite als ich es momentan eh schon bin. Tropen können wir nämlich auch gut zusammen, das wurde schon mehrfach bewiesen. Abendessenzutaten und irgendwas aus Schokolade kaufen wir ein, auf dem Weg zum Auto wird wild gekichert, da sich offenbart, dass es sich bei dem durch den gesamten Markt zu hörenden Gelärme aus der Bäckereiecke nicht um eine Fremdsprache handelt sondern um laut und unrhythmisch vorgetragenes, leicht streitendes Eifeldeutsch. Das klang in Höhe der Gemüsetheke noch ziemlich Türkisch.

Im Häuschen angekommen schmeiße ich meine Sachen aufs Bett und ziehe in allen oberen Zimmern die Rollläden hoch. Er dreht das Wasser und seine Lieblings-Eifel-CD auf. Im Bücherzimmer mache ich einen erfreuten Grunzer, als mein Blick auf ein gerahmtes Bild fällt, ein bisschen versteckt in der Ecke zwischen Vertigo und Fenster. Darauf sind unser Freund, der Hausbesitzer, und sein verstorbener Bruder zu sehen. Es ist ein schwarzweißes Passbildautomatenbild, groß kopiert und hinter Glas gepackt. Ein Mann trägt einen scharfkantigen Megabalken als Schnäuzer und hat die Augen aufgerissen, er sieht extrem irre aus, der andere Mann hat einen leichten Silberblick, auch er schaut etwas irre Richtung Kamera, hat aber insgesamt eine entspanntere Mimik. Das Bild ist ein viele Bände sprechender Abschluss für den gefühlsduseligen Ritt der letzten drei Stunden. Ich rufe meinen Mann hinauf, gemeinsam stehen wir eine kleine Weile schweigend davor und grinsen.

„Wen hätteste denn da jetzt lieber.“ Fragt er. „Den Downie oder den Triebtäter.“ Noch mehr Gegrinse. „Und kann man einen von denen mehr oder besser lieben als den anderen?“

Wir wissen, dass die beiden tolle Brüder waren. Mit auch mal Prügeleien und Ärger und mit viel Zuneigung. Sie waren gut füreinander. Wir wissen genauso, dass die Eltern beide Kinder liebten, wie man eben Kinder liebt. Natürlich war für diese Eltern vieles anders und bestimmt auch einiges bedeutend kräftezehrender als es mit einem gesunden Kind im Durchschnitt ist. Aber auf die Frage, ob sie sich eine andere Familienkonstellation wünschen oder auch nur vorstellen können, hätten alle Beteiligten mit ‚nein‘ geantwortet. Man kriegt beim Kinderkriegen wohl ohnehin nie die Familie, die man sich ausgemalt hat. Ich male mir jetzt mal nichts mehr aus. Wer immer Du sein wirst, kleiner süßer Alienlurch in meiner Plauze, wir kommen schon zurecht. Hauptsache, Du kommst bei uns an.