Über das Vermissen

Mein leiblicher Vater starb 2012 an einer verschleppten Lungenentzündung. Er war sehr übergewichtig, ein Mann dieses Alters mit durchschnittlicher Konstitution wäre nicht gestorben, so sagte es mir ein Arzt ins Gesicht und das tun sie ja besonders ungern, einem was ins Gesicht sagen, diese Ärzte. Durch einen, sagen wir hier mal, ausschweifenden Lebensstil war unter anderem des Erzeugers Leber bereits so angegriffen, dass sie die Medikamente nicht mehr verarbeiten konnte und aufgab; das künstliche Koma kam.  Mit jedem Tag wurde eine weitere Körperfunktion von einer Maschine übernommen. Er starb im Beisein seiner Liebsten.

Der letzte Satz, den er bei einem Besuch kurz vor Koma zu mir sagte, war: „Es tut mir leid, ich muss jetzt schlafen.“

Daran erinnere ich mich erst ein paar Wochen nach seinem Tod. An einem Nachmittag Anfang Oktober sitze ich mit einem Schnitzelbrötchen in der Sonne auf einer Betonstufe am Rhein und dieser letzte Satz fällt wieder in mein Hirn hinein.

Das war ein sehr versöhnlicher, guter Moment, auch wenn die Kombination aus einem angebissenen, panierten  Mittagssnack und  einem plötzlichen, mittelgroßen Heulanfall gewiss nicht so galant aussah, wie man im Nachhinein gerne gewirkt hätte. Und wie es dem Moment angemessen gewesen wäre.

Seitdem kommt das Vermissen in Wellen.

Einmal überkam es mich tatsächlich bei einer Europameisterschaft. Ich habe mit Fußball nichts am Stecken, aber ein paar Sachen bekommt man ja doch immer mit, so auch den Hype um die isländische Mannschaft, der auch ich alles gegönnt hätte.  Nach Beendigung einer Partie wurde, wie immer, ein auserwählter Spieler mit Journalistenfragen gelöchert, und da hörte ich sie zum ersten Mal ganz bewusst, die Sprache der Isländer, und bekam auf der Stelle einen limettengroßen Staubknubbel im Hals.

Mein leiblicher Vater beherrschte mehrere Fantasiesprachen, mit denen er mich zeitlebens erstaunte und belustigte – eine afrikanische, eine asiatische und eben eine europäische. Und das war sie. Der im Fernsehen interviewte Bursche plärrte aus dem Gerät heraus und sprach nicht isländisch, sondern Fantasieeuropäisch aus dem Hause Holger. Mein Herz wurde schwer.

So ergreift es mich manchmal, in den unmöglichsten Situationen. Wie bemerkenswert egal mir dagegen Todestage und Daten sind, ich muss mich sehr zusammen reißen mir diese überhaupt zu merken.

Allerdings bin ich mittlerweile sicher, dass es eine Art Zellerinnerung gibt.  Ich glaube, der Körper speichert Stimmungen schwerer Zeiten ab und schmeißt dann ein paar Jahre lang die Alarmglocken an, wenn Temperaturen, Blattwerk, Luftduft und Co wieder so sind wie in besagter Zeit.

Auch meine großartigen Großeltern vermisse ich in Schüben.  Gestorben sind sie in den Jahren 2005 und 2007. Opa starb während meiner Indienreise, wir hatten vorher ausgemacht, dass ich die Reise in einem solchen Fall nicht abbreche. Trotzdem war es kein gutes Gefühl, zu wissen, was zu Hause los ist und vollkommen tatenlos in der Ferne zu hängen.

Oma starb zwei Jahre später in meinem Elternhaus.

Heute fragte meine Mutter im Familien-Chat, wer von uns vier Kindern Omas Frittenschüssel so gerne mochte und ob derjenige sie haben wollte. Ich will, und fahre plötzlich heulend Auto.  Ein recht kitschiger Film über warme Sommernachmittage auf der OmaOpa-Terrasse wird abgespielt, sehr salzige Pommes und krosses Hähnchen essen wir an einem Tisch, dessen Wachstuchdecke mit diesen Fruchtgewichten beschwert wird, von denen ich mich frage, ob es die wohl noch irgendwo zu kaufen gibt. Opas schrille Spaßstimme stellt die Frage, wie es bei mir, beim Sabinchen, mit der Mathematik so läuft. Er nannte mich ausnahmslos Sabine, da ihm die Namenswahl seiner Tochter für die Enkelin angeblich nicht gefiel. Das klingt übergriffig und verbohrt; wenn man ihn kannte, weiß man, dass das ein über Jahre zementierter Witz war, und dass er eigentlich niemanden bei seinem echten Namen nannte. Jedenfalls niemanden den er mochte.

Omas Dauergegiggel über ihren Mann, auf den Stühlen kippelnde Schwestern, zum Nachtisch Eis mit Krokant und Schokostreuseln, alles in bester Ordnung. Wie gerne hätte ich Kindsvater und Kind diesen Leuten vorgestellt.

Ich versuche, mich zusammen zu reißen, immerhin bin ich gerade Verkehrsteilnehmerin und habe keinen körpereigenen Scheibenwischer für die sichtbehindernden Nebenprodukte meiner kleinen Trauerfahrt. Was bin ich denn so weinerlich, Herrje? Als ich am Nachmittag in der Stadt auf jemanden warte, verstehe ich es.

Erste Herbstanflüge, leichter Wind, es ist noch warm aber man spürt schon eine Kälte, die ab jetzt langsam in alle Luftmoleküle wandern wird. Septembergeruch. Des Erzeugers Todestag jährt sich nächste Woche zum sechsten Mal. Scheinbar ist das jetzt so: im Altweibersommer betrauere ich meine Toten. Was für ein Reichtum, sie alle gehabt zu haben.