Wellness avec fromage

Bei einem Saunawochenende stand ich plötzlich vor diesem Zitat. Und musste leider eine Antwort verfassen.

Sehr geehrter Herr Doktor Donald Ardell,

in einem Westerwälder Saunaschuppen stieß ich auf diesen Text von Ihnen. Man hat Sie dort etwas würdelos über den Spülkasten einer Toilette gehängt, aber immerhin laminierte man sie vorher anständig ein.

Meine Meinung zu unserem scheinbar gemeinsamen Hobby „Wellness“ weicht von der Ihren geringfügig ab, was ich gerne kurz verschriftlichen möchte.

Wellness bedeutet das genaue Gegenteil von „persönlicher Exzellenz“.  Meine Güte, Sie steigen wirklich hoch ein.

Wellness bedeutet doch nur, dass du dir den mittels Menthol-Aufguss medium rare gegarten hauseigenen Hinterschinken kratzend in deutschem Nieselregen stehst, im Kopf eine geistige Nulllinie. Dampfend und dumpf.

Es bedeutet, dass du zu den paar glücklichen Schweinen gehörst, die genug Patte übrig haben, um sich mehrere Stunden bis Tage völlige Nutzlosigkeit zu leisten.

Der bekanntlich an fast allem schuldige Kapitalismus und der Umstand deiner glücklichen oder eben weniger glücklichen Geburt entscheiden gemeinsam darüber, ob du dir in Frotteetücher gehüllt den Arsch nachtragen lässt oder ob du mannshoch mit Frotteetüchern beladen anderen den Arsch nachträgst.

Wellness bedeutet, sich in einem unverschämt gemütlichen Bett bis zwei Uhr nachts Unsinn im Fernsehen reinzuziehen; Schokoriegel verspeisend Xavier Naidoo und Dieter Bohlen dabei zu beobachten, wie sie verschieden bedauernswerte Kreaturen zum Preis des recall-Leckerlies Kunststücke aufführen lassen.

Wenn es schon irgendein „bewusstes sich engagieren“ sein muss, wie Sie schreiben, dann wohl eher das für Persönliche Desolanz. Das Wort gibt es nicht, oder? Das Schöne an Wellness: man richtet sich für den Moment geistig so zugrunde, dass man sich solche Fragen überhaupt stellt. Zur Illustration: gestern haben meine Saunakumpanin und ich darüber sinniert, welcher der drei Armstrongs Neil, Lance und Louis es nochmal war, der auf dem Mond landete. Nach circa 30 Minuten hatten wir es per Ausschlussverfahren gelöst.

Ihr allerquatschigster Satz ist meiner Meinung nach das Schlusswort: „Wellness erfordert eine nie endende Neugier für Vorhaben, Werte und den Sinn des Lebens.“

Ich stehe im Bademantel davor, halte Maulaffen feil und sage, gleich der Erdbeerkäse-Nadine, „Wattstehtdaa?“

Weil im Ernst: was soll es bedeuten? Haben Sie schon mal jemanden sagen hören: „Ich habe eine große Neugier für Vorhaben.“?

Dass sich das schwer nach Übersetzungsprogrammvergehen anhört, lässt auf die Unsinnigkeit der Aussage schließen. Wissen Sie, ich mach ja selbst beruflich etwas gesellschaftlich und lebensphilosophisch extrem Irrelevantes. Sollten Sie also manchmal daran leiden, dass sie keinen elementaren Beitrag zu unser aller Zusammenleben leisten, was ich gut verstehen kann, dann müssen Sie vielleicht nochmal umschulen. Oder ein Ehrenamt annehmen.

Den „Sinn des Lebens“ in etwas wirklich Spaßiges aber ja absichtlich Sinnbefreites hinein zu wurschteln ist schlicht albern.

Stellen Sie sich vor, jemand würde Ihnen einen Impulsvortrag darüber halten, dass ein Wochenende im Disneyland ein entscheidender Schritt auf dem persönlichen Weg zur Erleuchtung ist. Dass Achterbahnfahren mit Pommes im Bauch behilflich sein kann auf dem Weg ins Nirwana. Raus aus dem Samsara des ewigen Werdens und Vergehens, rein in eine sich drehenden Karusselltasse aus die Schöne und das Biest.

So hört sich Ihr Text für mich an, und ich achte sowohl Wellness als auch Freizeitparks. Das ist es ja gerade: ein Saunahotel IST ein Freizeitpark! Der eine will Susi und Strolch, der andere Fango und Rhassoul.

Beiden gemein ist im Kern wohliges Zeitverplempern.

Ich bestreite die verschiedenen Rollen meines Alltags soweit ich weiß zur Okayigkeit aller Beteiligten. Und Wellness bedeutet, niemandem genügen zu müssen. Ok, vielleicht machen Sie da deshalb beim Thema „Umgang mit Stress“ einen Punkt. Geschenkt.

Wenn man darauf steht, dann entspannt es nun einmal kolossal, sich zwei Tage lang mit abstehenden Haaren und so gut wie hirntot keinem anderen Bedürfnis unterordnen zu müssen als den eigenen Basal-Funktionen called essen schlafen kacken Gala lesen.

Der in hiesiger Einrichtung vorherrschende Klangteppich aus Flipflops, rauschendem Wasser, leichten Ächzern und Seufzern in ansonsten weitestgehend achtungsvoller Stille macht verständlich, warum die Alltagssprache für Orte wie diesen das Wort „Wellnesstempel“ hervorgebracht hat. Aber wen beten wir hier an? Den großen Tagedieb?

Wellness mit Übernachtung bedeutet fürderhin, dass du über den in Erwartung des Käsemessers am Frühstücksbüffet neben Dir stehenden Herren schon weißt, wie er errötet und schutzlos im Dampfbad aussieht, all seiner Kleider-machen-Leute-Tricks beraubt.  Während du den Bergkäse auf dein Tellerchen wuchtest denkst Du also mitunter zeitgleich an einen nackten, alten Fremden. Solche Gedanken sind je nach Gemütsverfassung wohl heiter bis wolkig.

Fest steht:

Wellness ist KEINE Lebenseinstellung. Wenn Weihnachtsmarkt das Wacken des kleinen Mannes ist, dann ist der Saunatag das Psy-Trance-Festival des besonders kleinen Mannes. Eine Mini-Fusion für ganz Arme.

Es widerspricht meiner grundsätzlichen Lebenseinstellung, mich ausschließlich um meine eigenen Körperfunktionen zu kümmern und ansonsten die Welt draußen zu lassen. Nichtsdestotrotz kann man das zwischendurch wohl mal machen. Weil herrlich. Wenn dieses Verhalten allerdings zu einem ehrwürdigen Lebensstil verkommen sollte, dann sind wir alle verloren. Ich würde Sie deshalb ganz höflich bitten wollen, ebenjenen wonnevollen Hedonismus -und sei es auch nur textlich – nicht weiter mit großen Werten in Verbindung zu bringen.

Ihr Statement ist ein bisschen wie die Marie Antoinette-artige Sprechblase eines untragbaren, Ressourcen verschwendenden Erstwelt-Verhaltens.

Lassen Sie uns doch einfach weiterhin ab und zu hemmungsfreie Weltflucht betreiben, ohne es zum Dao hochlabern zu müssen.

Es ist toll, es macht Freude, und feddich ist die Laube.

Dies schrieb Dir, lieber Donald, Deine Klassenkameradin Nina Goldberg, in Frottee gehüllt, seit 30 Stunden für viel Geld mit nichts anderem befasst als den eigenen Befindlichkeiten.