Einst. Im Ashram.

Er trägt eine pinke Mütze. Auf seiner Stirn sind drei Streifen aus einer Art Heilerde aufgemalt. Er ist Deutscher, um die vierzig, und wohnt seit langer Zeit in Bulgarien. Mehrere Monate im Jahr verbringt er hier. Wir sitzen auf einem winzigen Holzbänkchen und trinken Tee und ich werde darüber aufgeklärt, dass es eben DOCH sinnvoll ist, dass Frauen während ihrer Periode von allen alltäglichen Pflichten befreit werden und an einem gesonderten Ort alleine herumhängen. Ich bin zwanzig Jahre alt und befinde mich in einem Ashram in Nordindien. Aus dem ich eine gute Woche später rausfliegen werde.

Gepriesen wurde mir und meiner  damals nicht minder esoterikaffinen männlichen Reisebegleitung  dieser Ashram als „Stundenblume“, im Sinne Momos von Michael Ende.  Ein Freund des Reisebuddies hat hier viele Wochen mit seiner späteren Frau verbracht, sie haben das volle Programm durchgezogen mit Haare abrasieren und allem Zipp und Zapp. Wir fuhren also auf Empfehlung in den hohen Norden des Subkontinents, nachdem wir schon drei Monate kreuz und quer durchs Land gereist waren als stinknormale Backpacker.

Wir, das sind vier Deutsche um die 20.  Ich lese mir bei Ankunft an diesem wirklich verwunschenen Ort die mir von einer flatterhaften englischen Kettenraucherin ausgehändigten Ashram-Rules durch und möchte eigentlich  sofort wieder gehen. Und das obwohl es wirklich hübsch hier ist. Ein weites helles Flussbett, eingekeilt zwischen eigenwilligen Bergen, in der Mitte eine Kieselsteininsel. An beiden Seiten des Ufers steile schmale Steintreppen, die zu einem herrlich unübersichtlichen Gewusel  von Gebäuden, Parks und Tempeln führen.

Das miserabel kopierte Heftchen arbeite ich bei einer Tasse Tee auf dem Boden sitzend einmal komplett durch und fürchte mich.  Angst habe ich vor all diesen Verboten und Regeln, ich kotze schon bei dem Gedanken, um vier Uhr aufstehen zu müssen. (später kotze ich übrigens wirklich, das einzige Mal in 15 Jahren, einen inbrünstigen Schwall Linsendal in die Abflussrinne der Küche hinein, aber dazu später)

Der Rest unserer Truppe ist im Gegensatz zu mir bestens gelaunt und schaut schon beseelt in die Landschaft, also trete ich mir innerlich in den Arsch und sage „Schaus dir halt an“. In den Hausregeln  steht unter anderem geschrieben, dass menstruierende Frauen vom Ashramalltagsprogramm „befreit“ sind. Das bedeutet: nicht in den Tempel, nicht in den Tempel, auf gar keinen Fall in den Tempel, und die Teilnahme an den großen gemeinsamen Mahlzeiten (mitunter das Erhellendste des Tages) ist in dieser Zeit für dich ebenfalls  verboten. Du sitzt mal schön alleine mit einer Handvoll anderer Blutweiber im Küchentrakt herum und isst da. Ach ja, Küchendienst „musst“ Du auch nicht machen, so sagt es mir auch der Pinkmützenträger, zwinker zwinker, ist doch schön, oder? 

Liebe Frauen, die ihr vielleicht aus Versehen oder in der Hoffnung, Stundenblumen oder Seelenheil oder Lebenssinn zu finden, in einem Ashram landen solltet: Macht ruhig auch menstruierend alles mit was der Laden zu bieten hat. Es passiert nichts, wenn man blutend den Tempel betritt. Ich habe das ausprobiert. Und auch das Essen wird überraschenderweise nicht schlecht, wenn du es blutend zubereitest, die Milch kippt nicht um, es schlagen keine Hunde Alarm und es fallen auch keine Tempelfiguren bedeutungsschwanger von ihren Plätzen, wenn du an ihnen vorbei gehst.

All diese Dinge hatte ich mir als mögliche Konsequenzen ausgemalt, während ich kräftig und vital heimlich blutend  an allem teilnahm.   Auch der Guru, der dir allmorgendlich gegen fünf Uhr dreißig etwas braune Paste auf die Stirn schmiert, merkt scheinbar nicht, dass du unrein bist. Oder er merkt das natürlich doch weil er so schlau und fühlig ist aber da er zusätzlich ungemein gnädig und sündenvergebend ist hält er vielleicht wissend sein Maul, wer weiß das schon.  Da man zumeist mehr als einen Tag lang menstruiert, hatte ich Zeit für ein paar lächerliche Psychotests den Guru betreffend.

Eines blutenden  Morgens ging ich während der ersten Andacht  nach vorne, um mir  die Stirn bematschen zu lassen und visualisierte (ja, das tut man in esoterischen Zusammenhängen andauernd, Visualisierung ist sozusagen der Grundbaustein einer ausgewogenen Esoterikernährung)  in einer Tour Dinge wie  „Reinheit, Reinheit, Frischwasser, Waschpulver, Frühlingswind, weiß, weiß, sauber, Maria, hell, strahle, strahle, Unschuld“.  So ungefähr sah es in meiner Hirse aus, während der Guru in dem braunen Löss auf meiner Stirn mehrere Reiskörner zu platzieren ersuchte.

Am nächsten Tag ging ich wieder nach vorn, kniete mich hin, erhielt die tägliche Dosis Matsch und konzentrierte mich währenddessen auf meinen blutigen Unterleib. Ich visualisierte vollgesogene Tampons und Binden,  Menstruationsspuren auf weißer Badkeramik, allgemeine Blutlachen und bösen Willen. Eine Änderung in seiner Mimik konnte ich nicht feststellen.

Ich möchte betonen, dass ich dies alles nach mehr als zehn Jahren natürlich viel lässiger beschreibe als es tatsächlich war. Natürlich war ich sehr wassermannzeitaltrig drauf und mit einem gewissen Ernst bei der Sache, sonst hätte ich einen solchen Ort nie aufgesucht. Ich hoffte wohl, irgendetwas zu finden; und dennoch wusste ich zu keinem Zeitpunkt  was genau ich suchte oder warum ich etwas suchte, aber dass in dem Laden etwas entschieden beschissen war, das fühlte ich jeden Tag mehrmals laut und deutlich.

Die ersten Tage fand ich recht spannend. Ich bin eine ausgewiesene Vorwitznase und ein Ashram in Indien, in dem besonders viele Westler hausen und der des Weiteren der Lieblingsashram von Nina Hagen ist, zieht naturellement einen Haufen illustrer Gesellen an. Deren Auftreten, Verhalten und Kleidungsstil zu studieren, derweil man literweise süßen Chai ext und dabei Goldflake-Zigaretten vertilgt; dies Setting gefiel mir eine ganze Weile. Und auch das frühe Aufstehen fuckte mich nicht von Anfang an ab, da es gegen 18 Uhr rasant dunkel und rasant öde wurde, sodass man um neun schon schlummerte, in einem nicht gerade üppigen Raum, den man sich mit mehreren anderen Damen, in meinem Fall vorwiegend aus Polen kommend, teilte.

DAS war einer der ersten Punkte, über die ich mich massiv ärgerte: bei Ankunft gaben Reisebuddy und ich ehrlich an, nicht verheiratet zu sein. So landeten wir in den großen, nach Geschlechtern sortierten Gemeinschaftsräumen. Hätten wir den Stand der Ehe behauptet, wären wir in einem urgemütlichen Zweierzimmer unter gekommen. Erster strategischer Fehler, begangen aus Unwissenheit.

Allmorgendlich ertönte um kurz vor vier ein großes Geläut und Getröte, man warf sich schnell eine Decke über, nahm ein Handtuch mit und taperte mit der Taschenlampe die 108 (Obacht, heilige Zahl) Stufen zum Fluss herunter. Dort wusch man sich, je nach Erleuchtungsanspruch und Leistungssportcharakter  komplett nackt und komplett von oben bis unten, oder, wie in meinem Fall, so: eine dicke Schüppe Wasser ins G´sicht, eine in den Nacken, dann einmal noch die Füße reindippen und fertig. Sodann wanderte man die 108 Stufen wieder hoch und hockte sich in den Tempel. Dort wurde umgehend aus voller Kehle gesungen,  tapfer begleitet von den  üblichen Verdächtigen der indischen Instrumentenfamilie: Tabla und Harmonium.

Ab hier verschwimmt meine Erinnerung, was die konkreten Tagesabläufe angeht, ich möchte also schon eine Sache im Keim ersticken und das ist folgende: den erzürnten Leserbrief á la: “Wenn sie es schon niedermacht, unser Stundenblumengeschäft, dann hätte sie wenigstens mal anständig recherchieren können. Nach der ersten Ratzepammelirgendwas-Andacht kommt nämlich die Dhuni-Feuerzeremonie und NICHT Karmayoga. Solchen Leuten sollte das Schreiben verboten werden. Lügenpresse. Unverschämtheit.“

Also. Ich erhebe keinen Anspruch auf absolute Akkuratesse, aber alles was ich schreibe passierte dort auch, wenn auch vielleicht  in andersrumer Reihenfolge oder  mit andere Gewichtung.

Ein weiteres SEHR wichtiges Stichwort habe ich mir nun im angerissenen fiktiven (aber durchaus erwartbaren) Leserbrief selbst gegeben: Karmayoga. Das klingt wild, ne? Es klingt nach „Erleuchtung durch Turnen“, nach „108 herabschauende Hunde zur Lösung karmischer Verstrickung“. Nach „Großer Sonnengruß zwecks Heilung der Urwunde“.  Isses aber nicht.  Es ist Kloputzen. Es ist fegen. Spülen, aufräumen. Kurzum: es ist stinknormale Arbeit fürs Gemeinwohl. Also eigene Wäsche waschen gilt nicht, Handtücher aus der Großküche waschen gilt. Fürs Karmayoga sind im Ashramalltag drei Stunden täglich vorgesehen.

Ich entschied mich für die Großküche. Am Tag der Anreise hatte ich gesehen, wie eine Gruppe Inderinnen und ein paar Westler ca. 200 Kilo Kartoffeln schälten derweil die indischen Damen sangen; da wollte ich mitmachen.  Nach zwei Tagen bekam ich dort meinen ersten ernstzunehmenden Rüffel. Zwei Westlerinnen im Alter meiner Mutter mokierten sich über mein zu freizügiges Aussehen. Ich schwöre, ich war NICHT zu freizügig angezogen. Es war mir auf dieser sechsmonatigen Reise immer wichtig, regelkonform gekleidet zu sein, so auch hier im Ashram. Ich verachtete etwas die wilden Hippiebackpacker, die barfuß oder mit geflickten Flipflops und löchrigen Blusen durchs Land zogen, kein Inder konnte das verstehen, und sie kamen sich doch so lässig und antikapitalistisch vor, die Hippietraveller. „Wenn man doch so viel Geld für ein Flugticket besitzt – wieso kauft man sich dann nicht ein paar ordentliche Stücke Oberbekleidung?“ Mit dieser Frage, großen Augen, hochgezogenen Schultern und offenen Handflächen stand so mancher Inder vor mir und hoffte auf eine plausible Replik.  Ich konnte ihnen diese Frage leider nur unzufriedenstellend beantworten, indem ich ihre Körpersprache spiegelte und etwas von „Lifestyle“ stammelte.

Ich wollte nie durch zu viel Haut auffallen, was in einem heißen Land richtig nerven kann. Aber wir waren ja schon von ganz alleine Exoten; eine blonde, rauchende (das tun die Inderinnen zwar in der Regel auch nicht, aber irgendwo ist ja mal Schluss) weiße Frau – das war vielerorts Irritation genug.

Und nur fürs Protokoll: nicht die Inderinnen motzten an besagtem Kartoffeltag, sondern eine Holländerin und eine Weißichnichtmehr.

So saß ich also langärmelig und mit einem bunten Tuch über die Schultern geworfen in den Kartoffelschalen und hörte mir das schnatterige Gemoser über mich an, „too western“  sagten sie,  mit einem Lächeln. Was konkret das Problem sei, fragte ich. Man zeigte mit den alten, abgewetzten Küchenmessern in Richtung meines Auschnittes, und ja, mir war tatsächlich der Schal verrutscht und man erkannte eine freundliche kleine Tittenritze. Reitend auf einer aus dem Nichts kommenden Welle Selbstbewusstseins entgegnete ich, sie könnten alle mal schön froh sein, dass es hier so viele Kleiderregeln gäbe, würde ich meinen zwanzigjährigen Arsch mal  auspacken, dann könnten sie vor Neid einpacken.

Huch, woher kam das? Ich weiß es nicht, zitterte auch leicht beim Hervorbringen dieses komischen SpiceGirl-Anfalls. Aber meine Ruhe, die hatte ich danach. Vorerst.

Bis zum nächsten offiziellen Vergehen, denn vom  größten Fehltritt, meinem Dasein als Günter Wallraff der Monatsblutung, wusste ja niemand.

Dies nächste Vergehen kam plötzlich. Ich Bitch wurde krank, wie circa 30 andere Leute auch.  Am Mittag gab es zu dieser  Zeit stets ein großes Festessen, aus allen umliegenden Dörfern kamen die Leute herbei, Anlass war das indische Frühlingsfest Ram Navami, das vielerorts einige Tage lang zelebriert wird. Das war wirklich wunderbar.

Zwischen uralten Bäumen waren auf dem staubigen, glatten Lehmboden Bahnen aus Jutestoff ausgelegt, gefühlt 100 Meter lang, auf jedem Meter ein breites Bananenblatt, mehrere Bahnen nebeneinander. Nach einem gemeinsam geschmetterten Lied schritt die Küchenfraktion mit ollen Blecheimern die Jutereihen entlang und warf mit großer Kelle die verschiedenen Essensdinge auf die Blätter, unter anderem eine Joghurtsoße namens Raita, von der ich mir immer kiloweise geben ließ, da sie die ultrascharfen anderen Dinge auf eine verzehrmögliche Temperatur herunter kühlte. Und eines Tages war mit dem Joghurt wohl was nicht in Ordnung. Im Laufe des Nachmittages wurden mehrere Leute blass und verkrümelten sich auf ihre Pritschen, eine junge Frau machte mitten im Innenhof den Kotzanfang und ab da ging es steil abwärts mit der Ashrambelegschaft. Den Tag über noch fidel, glaubte ich, naive Spei-Phobikerin die ich bin, verschont worden zu sein. Abends wurde mir sehr plötzlich sehr schlecht. Der Umstand, in einem engen, stickigen Zimmer mit fremden Frauen eingepfercht zu sein, tat sein Übriges; ich traute mich überhaupt nicht einzuschlafen, weil klar war: würde ich mit Kotzreiz erwachen bekäme das aufgrund des Platzmangels hundertprozentig eine unschuldige Polin ab. Das wollte ich vermeiden und so zockelte ich mit Schlafsack und Kissen in den Männerraum vom Reisebuddy, wobei es sich um eine luftige, halbe Turnhalle handelte, die er sich mit zwei Deutschen, einem Kanadier und einem Schweden teilte. Da hätten noch 10 Ninas samt Kotze-Safety-Zone reingepasst.

Ich schlich mich hinein, rüttelte am Reisebuddy und weckte ihn wörtlich mit diesem Satz: „Ich glaub ich muss kotzen und hab vergessen wie das geht.“  „Das fällt dir gleich schon  wieder ein.“ Bekam ich zur Antwort und er begleitete mich die zwei Stockwerke hinunter zu den Sanitäranlagen. Schon mal in ein Hockklo gebrochen? Das geht schlecht, vor allem wenn einem etwas blümerant zumute ist geht es besonders schlecht. Der Buddy drapierte mich also längsseitig liegend neben die steinerne, offene Abwasserrinne vom Küchentrakt und sprach freundlich auf mich ein. Er sagte die Sachen, die Leute dann immer sagen und damit auch immer recht haben: „Jetzt sperr Dich nicht, lass es raus, danach geht es dir besser, vertrau mir, steck dir doch mal den Finger in  den Hals, komm schon, dann isses getan.“

Kotzen will wahrlich gelernt sein. Ich kann es nicht. Aber in dieser Nacht konnte ich es irgendwann. Reisebuddy brachte mich wieder hoch und ich schlief einen sehr guten Schlaf,  während dem sich mal nicht Damen aus unserem Nachbarland an mich heran wälzten, mir warmfeucht in den Nacken atmend.

Ich glaube rückblickend, dass ich einfach schon immer ein schlimmer Schlafnazi war und mir das mit zwanzig noch nicht eingestehen konnte. Fremde Leute in der Kemenate? Bei aller Liebe nein. Mit dreißig lässt sich das vertreten; als zwanzigjährige Wannabe-Philantropin findet man sich mit dieser Einstellung ausgesprochen unlocker und springt über seinen Schatten.

Am nächsten Vormittag schlich ich mit einem großen Becher Kräutertee recht matt durchs Gelände und traf auf ein Mitglied der Charas-Italiener. Dabei handelte es sich um eine  belockte Ansammlung schmucker junger  Männer, die alles im Ashram sehr ernst nahmen – bis auf das Kiff-Verbot. Da machten sie ihre eigenen Regeln und beriefen sich auf die im Rest von Indien herrschende Grasmoral: Wenn Du Shiva näher kommen willst – dampfe. Eingehüllt in die omnipräsente süßliche Dopenote sprach er mich an und fragte ob es mir besser gehe. Ich bejahte, und erzählte nochmal von meiner Joghurt-Theorie;  ich hatte ein paar Umfragen gemacht und alle Kotzpatienten aßen am Tag zuvor die Joghurtsauce. Der Übeltäter war eindeutig gefunden.  Er sagte, in english, versteht sich: „Nein, das war nicht der Joghurt. Ich weiß, warum du krank bist.“ Ach ja? Ich wurde neugierig und ärgerlich zugleich. „Ich hab dich gesehen, du hast im Männerraum geschlafen. Das ist verboten. Die Krankheit ist deine Strafe.“

Ab da war es um mich geschehen. Mit Wiedererstarken meiner körperlichen Kräfte wurde ich aufmüpfig und blöd und provozierte, wo ich nur konnte.

Ich dachte mir schwachsinnige deutsche Übersetzungen für die zahlreichen HareKrishnalieder aus, zum Beispiel „Das Lied der erfolgreichen Chemotherapie: Haare, Haare, Haare, – Haare krischta wieder. Krebs oh Krebs oh Krebs, oh –  Krebs , den zwang er nieder“  Sehr billiges Zeug, das ich ab und an zaghaft in Hörweite weiterer deutscher Erleuchtungstouristen anstimmte, im Kreise nichtdeutschsprachiger Mitashramnesen auch gerne recht laut.   Vollkommen zu Recht erwarb ich mir damit keine große Fangemeinde und auch der Reisebuddy fand mich schwierig und anstrengend.

Ich hörte auf, den Stundenplan des Ashrams zu befolgen und streunte im eigenen Tempo umher. Kartoffeln schälte ich brav täglich weiter, immerhin war das mein Anteil für Kost und Logis, den Rest des Programms machte ich mal mit und mal nicht. Ich verschlief gerne, fühlte mich dauernd wieder krank und versuchte bei jeder Gelegenheit  andere Deutsche in Diskussionen zu verwickeln. Als mir eine circa dreißigjährige Dame  mitteilte, dass bei Frauen  in Röcken die Energie bedeutend besser fließen könne als in Hosen wurde ich wadenbissig und verlor jeden Humor. Ich ließ nicht locker und wollte Belege dafür, ich wollte Erklärungen, wie sie das herausgefunden habe, ich wurde ganz und gar sauer und laut und es mussten der Pinkmützenträger und weitere Menschen  dazwischen gehen um das Gespräch von außen zu beenden.

Danach trank ich alleine Tee, saß auf einem der Holzbänke, mein Getränk auf einer Art Baumstumpf abgestellt;  ich bemerkte, dass ich einen Millimeter vorm Weinkrampf stand, fragte mich, was ich hier mache und beschloss, bei nächster Taxigelegenheit zu fahren. Ob mit Buddy und den anderen oder ohne war mir vollkommen egal. Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, man tippte mir auf die Schulter und jemand sagte „Dieser junge blonde Deutsche, den kennst Du doch, ihm ist etwas passiert, a little accident, bitte geh zu eurem Trakt.“

Ich spurtete los und begegnete zunächst seiner weinenden Freundin. Folgendes hatte sich zugetragen:  Der blonde Bursche war an diesem Tag schwächlich und blieb auf dem Zimmer. Dann wollte er sich über die wie in einem amerikanischen Mehrfamilienhaus angelegten  offenen Flure  zur Toilette herunter schleppen da es bedrohlich in ihm brodelte. Einer der Charas-Italiener hielt ihn auf, sprudelte auf ihn ein und drückte ihm verschiedene homöopathische Globoli in die Hand, ohne dem Burschen überhaupt zuzuhören. Dieser versuchte es ein paar Mal mit  „Bitte lass mich durch, ich muss schleunigst zum Klo“, doch der Italiener fühlte sich einfach zu gut in seinem eigens kreierten Doktorspiel und schüttete ihm verschiedene Kügelchen in die Hand und prasselte mit Gebrauchsanweisungen auf ihn nieder; da wurde der Bursche mit einem beeindruckenden Furz ohnmächtig und schiss dabei den offenen Flur mit scheinbar mehreren Litern Wasserdurchfall zu.

Als ich die Szenerie betrat hatte die Freundin ihren kranken Liebsten schon geduscht, frisch bekleidet und wieder ins Bett gebracht; all das flüssige Aa war aber noch da und bildete durch die Abertausend sofort eintreffenden Fliegen große schwarze Flächen. Nachdem wir uns Putzzeug besorgt hatten und mit mehreren Schrubbern und Mittelchen vorm Tatort standen hatte ich die grandiose Idee, erst einmal mehrere Eimer klaren Wassers darüber zu schütten in Richtung Regenrinne. Zu spät bemerkten wir, dass die Regenrinne zwar eine solche war, aber das von dort alle paar Meter gerade, kurze Röhrchen gen Nirgendwo abgingen und wir so die mit Wasser verdünnte Kacke im freien Fall erfolgreich in den Innenhof umgeleitet hatten. Dass niemand in dem Moment darunter stand war pures Glück. Der Innenhof wiederum hatte kein Abwassersystem, sodass uns nichts anderes übrig blieb, als mit vielen Portionen scharfer Putzmittel und noch mehr Eimern Wasser den Kladderadatsch stundenlang hin und her zu schrubben und auf eine größtmögliche Fläche zu verteilen, bis alles mehrfach  weggetrocknet, wiederbefeuchtet und irgendwann fliegenfrei und wohlriechend war.

Im Nachgang bemerkte ich, dass die Kackeputzzeit die erste seit Tagen war, während der ich nicht darüber nachdachte, wo ich hier war und warum, sondern einfach machte. Und natürlich würde ich mich niemals im Leben darum reißen, nochmal jemandes gut verteiltes Flüssig-Aa verschwinden zu lassen,  aber ich muss zugeben, dass ich diesen Moment, in dem es einfach ein Problem zu lösen und praktisch zu handeln galt, befreiend fand. Ich war nach Tagen endlich nochmal entspannt. Es musste nichts hinterfragt werden, ich dachte nicht darüber nach ob ich adäquat angezogen war und ob ich mich angemessen benahm. Wie angenehm. Der Durchfall hatte mich mit diesem Tag versöhnt. Das muss ein Durchfall erst mal schaffen.

Reisebuddy sagte mir am selben Tag noch zu, übermorgen früh mit mir abzudampfen und so schwappte das Versöhnungsgefühl noch in den nächsten Tag hinein. Ich konnte auf den letzten Metern nochmal etwas unsperriger mit den Dingen umgehen. Als zum Beispiel die uralten Holzpantinen des 1984 verstorbenen Ursprungsgurus unter einem unglaublichen Getöse von Tempel X zu Tempel Y transportiert wurden, konnte ich leichtherzig  und ohne jede Bitterkeit zusehen. Besagtes Schuhwerk wohnte auf einem Seidenkissen, welches von zwei dürren europäischen Ärmchen gen Himmel hochgereckt wurde. Dahinter schritt eine ein Dutzend starke Mannschaft, bewaffnet mit Mantren und kleinen Instrumenten zogen sie übers Ashram-Gelände. Wer ihren Weg kreuzte verfiel in ein sehr klischeeesoterisches Lächel-Grinse-Gemisch und legte die Handflächen vor dem Herzen zusammen.

Eine letzte Provokation  an diesem letzten Tag konnte ich mir aber dennoch nicht verkneifen.

Kurz nach unserer Ankunft hatte ich in der Tee-Ecke schon einmal einen Halbrüffel erhalten, als ich jemanden, von dem ich wusste, dass er deutsch ist, mit einem freundlichen „Guten Morgen“ begrüßte. Zack; keine zehn Minuten später sprach mich ein bis dato unbekanntes Gesicht an und fragte sanft „Wie heißt Du?“ „Nina“ antwortete ich argwöhnisch. „Ist das dein gebürtiger oder dein spiritueller Name?“ „Der Name steht so in meinem Pass.“, antwortete ich patziger als mir lieb war. „Also, Nina….“ Sprach er kontrolliert und soft weiter, wobei er die Vokale meines Namens erstrahlen ließ, „wie du schon gemerkt haben wirst begrüßen wir uns hier mit ‚om namah shivaya‘, was so viel bedeutet wie ‚Herr Dein Wille geschehe‘, und es wäre ganz toll, wenn Du Dich auch daran halten würdest.“ „Ja es ist nur so dass ich schon eine Weile hier in Indien unterwegs bin, und es fühlte sich einfach so heimelig an ‚Guten Morgen‘ zu sagen!“ flüchtete ich fast wahrheitsgemäß aus.

Zusätzlich zur hochwillkommenen muttersprachlichen Floskel ging mir dieses ‚om namah shivaya‘  nicht ernsthaft über die Lippen, erst recht nicht gegenüber anderen Deutschen. „Wie gesagt“ strahlte er mich an „wäre einfach super, wenn du dich dran halten würdest.“ Ich nickte und fragte mich, wer er überhaupt war. Es musste ja jemand von meinem unliebsamen Verhalten berichtet haben. Es hatte scheinbar sofort jemand gepetzt und die Sprachgouvernante des Ladens zu mir geschickt.

Als ich mir an diesem Tag einen Tee kaufen wollte registrierte ich, dass achtzig Prozent der gerade dort an der Bude Herumsitzenden meine Landsleute waren. Ich konnte nicht anders. Auf dem Weg zum Teeverkäufer durch die Reihen aus winzigen vollbesetzten Tischen und Stühlen blieb ich in der Mitte stehen, atmete tief ein und rief ein kräftiges „Mahlzeit!“. Die Reaktionen waren sehr gemischt. Pinkmützenträger zum Beispiel lachte laut, er war mir sowieso trotz seiner merkwürdigen Einstellung sympathisch geblieben. Er hatte Humor – und das gab es hier bedauerlicherweise nicht oft. Auch ein paar andere Gesichter schmunzelten über mich, ein paar andere sahen mich verständnislos an und wie üblich gab es eine weitere erschreckend große Gruppe, die so tat, als hätte sie mich nicht gehört. Auf einem freien Plätzchen rührte ich danach selbstzufrieden in meinem Teeglas und freute mich auf die stinkende Stadt. Kurz nach diesem Happening suchte mich die Sprachgouvernante noch einmal auf, um mir zu sagen, dass der Ashram wohl nicht der richtige Ort für mich sei. Rausschmiss auf softesoterisch.

Am Abend ließ ich mich auf eine der abstrusesten Veranstaltungen meines gesamten Lebens ein, eine  Rebirthing-Session. Das Rebirthing gehört, wie ich heute weiß, zu den populärsten Pseudo-Heilmethoden und beruht auf der recht einfältigen Grundannahme, dass jeder Mensch bei seiner Geburt ein Trauma erlebt, welches durch eine geführte Meditation, während der man angeleitet hyperventiliert, gelöst werden kann. So lag nun eine bunt gemischte Truppe westlicher Menschen in der Abenddämmerung zugedeckt und erwartungsvoll auf einer Dachterasse herum, alle hatten die Augen geschlossen und lagen auf dem Rücken. Zwischen ihnen liefen die drei Kanadier umher, die diese Session angeboten hatten. Sie ließen sich immer mal wieder neben einem von uns nieder und fassten uns mal an die Stirn, mal an die Hände. Mein Reisebuddy fing sehr bald an, in durch Aufregung eklatant schlecht und irreführend gewordenem Englisch, seinen Zustand zu beschreiben. Es war ihm überhaupt nicht gut. „My meat is hard“ sagte er. „I am hard“  Oh Jott. „My flesh is like stone.“ Meine Ohren waren die ganze Zeit bei ihm. Ich ahnte, was er fühlte, wir kannten uns ja wirklich gut. Die Panik stieg in ihm auf, weil das Hyperventiliergefühl ihn an seine Epilepsie erinnerte. In der Pubertät hatte er damit sehr plötzlich große Probleme gehabt, die nach kurzer Zeit und einigen heftigen Anfällen bis zum heutigen Tag wieder verschwanden.

Ziemlich genau erinnere ich mich daran, einem eindeutigen Impuls widerstanden zu haben. Ich hörte ihn Quatsch erzählen und panischer werden. Meine liebste Tat wäre gewesen: Augen aufmachen, langsam aufstehen. Die mir widersprechen wollenden Kanadier mit nur einem Fingerzeig ruhig stellen und anschließend verscheuchen, an Reisebuddy dranlöffeln, Atmung beruhigen, Buddy ablenken durch Liebe, Boobs und Blödsinn. Aber was tat ich stattdessen? Nix. Ich kriege mir das verziehen. Ich war zwanzig und hatte mein gesamtes Mutpulver bereits Mittags an der Teebude verschossen.  Die Freundin vom blonden Burschen lag schräg hinter mir und weinte heftig. Irgendwie kam ihre Bulimie angerauscht und stimmte sie bodenlos traurig. „Ich bin so hässlich“ wimmerte es hinter mir. Komplett gelogen, by the way. Ich wusste, dass sie diese Essstörung  im Griff hat, seit sie bei der letzten Reise gen Südamerika gemeinsam mit dem blondem Burschen mitten im Urwald Ayahuasca eingenommen hatte, – einen psychedelischen Trunk -, und eine komplette Nacht durchschiss  und -brach. Danach kotze sie nie wieder freiwillig.

Der freundliche Schwede in unserem Alter weinte ganz leise vor sich hin und beantwortete keine Fragen der Kanadier. Bis heute erinnere ich ein unangenehm kaltschweißiges Gefühl, wenn ich daran denke, wie ich damals auf dem von der Sonne des Tages noch warmen Beton lag und wild kreisatmen sollte.

Wie schwachsinnig oder gefährlich solche Methoden auch sein können, eine gute Sache lösen sie unzweifelhaft oft aus: wie nach einem großartigen gemeinsam erlebten Konzert ist man danach fast ein bisschen verliebt in seine Mitmenschen. Man hat etwas bisweilen Intimes und Einmaliges geteilt, das schweißt für einen Moment sehr eng zusammen, wenn einem die Truppe ohnehin sympathisch war. So saßen wir danach noch lange rauchend und kuschelnd in einem harten Hippiemodus dort oben herum und blickten ins klüftige Tal. Später in meinen Schlafsack gestopft konnte ich kaum einschlafen vor Vorfreude auf unsere Abreise. Zwei Damen meines Zimmers waren noch wach und lästerten leise über eine nicht anwesende Zimmergenossin. Irgendwann war es wieder hell. Endlich. In einem Jeep wurden wir mit anderen Abreisenden gen Tal transportiert. Der Fahrer raste wie ein Irrer und nach kürzester Zeit war mir unglaublich schlecht. Aber auch das konnte meine Freude nicht mildern. Es war vorbei. Endlich. Endlich wieder nach Indien.