Gestatten: Kackbratze. I am your Panikstörung.

Geschafft. Meine Verpflichtungen für heute sind erledigt. Und ich bin es auch. Eigentlich war das heute ein locker und froh gestrickter Tag, weit weg von einer Kernstressigkeit, aber er hatte dennoch einen großen Haken. Wie ihn einige meiner Tage haben.

Seit meiner Jugend hantiere ich mit einer Panikstörung herum. Zu Anfang waren das seltene Phänomene, bedrohliche Ausnahmesituationen, die mich viel Kraft kosteten, aber wenn sie überstanden waren, verschwanden sie wieder in den Schatten für angenehm lange Zeit. Schatten sind ein gutes Stichwort, weil auch wenn die Panik gerade nicht akut ist lauert sie genau dort. Sie reist mir hinterher und ist nie komplett abwesend, nur manchmal ist sie eben leise, ist friedfertig, bekifft, verknallt, wasweißich, jedenfalls hat sie manchmal keine Zeit für mich.

Dann taucht sie plötzlich für ein paar Tage auf, mit bisschen Pech auch schon mal für ein paar Wochen und mit wiederum bisschen Glück verstehe ich manchmal immerhin im Nachhinein, warum wieder Indoorkirmes angesagt war. 

Ich habe heute immer und immer wieder gegen einen starken Fluchtimpuls angekämpft. Während der Arbeit im Studio, bei einer Verabredung zum Mittagessen, später am Tag quasi 90 Minuten am Stück im Yogaunterricht. Das Gefühl zu beschreiben, das den Fluchtimpuls einfordert, ist kompliziert und mir zu intim und würde darüber hinaus hier den Rahmen sprengen, aber sagen wir mal so: es ist ein massives Drücken und Ziehen gleichzeitig. Mein Körper schreit: „Unwohlseinunwohlseinlauflosjetzt!“ Mein Herz hat Aussetzer, dann rast es, die Magengegend brodelt, irgendwann fiepen die Ohren und wenn ich die Attacke nicht eingefangen bekomme krieg ich ganz klassisch Kreislauf mit Sehstörungen und Kribbeln und schnell flach hinlegen sonst Ohnmacht.

Heute bin ich kein einziges Mal geflohen. Darauf kann ich prinzipiell stolz sein, weil der Druck ist wirklich groß. Wie wenn in einem Disneyfilm hellblaues Wasser durch eine Holztür strömt um Alice -im-Wunderland-mäßig binnen Sekunden alles zu fluten. Man muss sich also mit allem was man hat gegen diese innere Holztüre schmeißen ohne dass gesichert wäre, dass sie nicht trotzdem haltlos auffliegt und es einen weit weg katapultieren und überspülen wird.

Zu dem eigenartigen „Stolz“, den Tag über die Bühne gebracht zu haben, gesellt sich allerdings eine kleine dicke Traurigkeit dazu; ich könnte manchmal schlicht die Energieverschwendung beweinen, die an einem solchen Tag in mir stattgefunden hat. Ich möchte eine innere Greta haben, die Skolstrejk för Nina-Klimatet macht, und die mächtigen HormonausschütterInnen meines Körpers sollen endlich auf sie hören.

So ein Tag ist für mich trotzdem nicht immer komplett scheiße. Ich hatte Freude heute, bei der Arbeit, beim Plauderlunch, gut, beim Yoga dann nicht mehr so. Man sieht und merkt mir das übrigens nicht an, dass ich innerlich gerade einen schnörkeligen Türknauf mit weißen Fingerknöcheln in seine Zarge presse, außer man ist mit mir verheiratet oder seit mindestens einer Dekade in meiner Nähe. Und selbst dann schneidet man das längst nicht immer mit. Ich bin gruselig gut darin geworden, das komplett zu verbergen.

In der Therapie habe ich gehört, dass Panikattacken selbstredend jeden treffen können, so wie eben jeder Kack der Welt, allerdings häufen sie sich wohl statistisch ein kleines bisschen bei fantasievollen Menschen. Vereinfacht gesagt haben diese Leute zum einen eine wahnsinnig üppig befüllte Waffenkiste, mit deren Inhalt sie auf sich selbst schießen können, und zum anderen eine stets streichfertig präparierte Palette mit allen Regenbogenfarben drauf. Damit lässt sich im Handumdrehen ein düsteres Hieronymus Bosch-Gemälde zaubern, das einen dann für eine Weile vereinnahmt.

Nun mag ich in anderen Zusammenhängen sowohl meine Waffenbox als auch die Ölfarben. Wenn die Panik gerade ihre Schnauze hält machen beide Items mir und meinem Umfeld Freude, ich möchte mir also noch nicht mal theoretisch weniger Fantasie oder ein leiseres Gehirn wünschen, weil dann müsste ich ja an beiden Enden Abstriche machen. Die Panik wäre gemildert, aber meine Freude an blankem Unsinn wohl auch. Vermutlich würden sogar meine abseitigen Nachtträume weniger werden, Gott behüte.

So viel hab ich mittlerweile verstanden: die Panik ist auf jeden Fall eine divenhafte Kackbratze, die mir schon richtig viele gute Momente gnadenlos zerschossen hat. Ihre Kernkompetenz ist Sabotage, ihr Lieblingslied die Ode an die Schadenfreude.

Allerdings ist sie eben auch Seite einer Medaille, deren andere mir lieb und teuer ist. Gut, jetzt soll es Leute geben, die frohgemut und ganz witzich sind und dennoch KEINEN an der Marmel haben; ihnen gehört meine ewige Eifersucht. Weil sie sich nicht wie ich mit einem profanen Medaillengleichnis eine Krücke bauen müssen, die alles erträglich macht.

Obwohl ich diese Scheiße jetzt bereits im knapp zwanzigsten Jahr mit mir rumschleppe, bleibe ich zuversichtlich, dass ich die nervige Medaillenseite noch ein bisschen zu meinen Gunsten und denen meines Cortisolhaushaltes beackert bekomme. An gewissen Stellen verliert die Panik nämlich langsam ihre Bedrohlichkeit: durch jede überstandene Akutphase wächst die Gewissheit, dass sich das auch wieder verzieht, weil es das immer getan hat, und ich dann ersma wieder Ruhe inner Knolle hab.

Und was jetzt kommt klingt schlimm ökopädagoginnenhaft: Es wird langsam erträglicher, weil ich es mittlerweile manchmal schaffe, mir selbst eine knorke Mutter zu sein. Eine entspannte loyale Anverwandte, die sich nicht lustig macht, die nicht angewidert oder kalt ist, die mir eine warme Hand auf den unteren Rücken schiebt und ziemlich beeindruckend ihre Base schillt.  DAS nenn ich Fortschritt, nachdem ich mich jahrelang für diese Störung obendrauf noch feddich gemacht habe. Mach ich immer noch, klar, aber wie gesagt: manchmal ist da diese wärmende Flosse, etwas zum Anlehnen.

Warum ich nun Euch, werte Leseläuse, damit behellige? Vielleicht hat ja einer eine ähnliche Meise und freut sich über Gesellschaft. Damit wäre doch schon was gewonnen.

Auf dem Pausenhof der Insta-Grammable-Gesamtschule, zwischen all den Makellosen, möchte ich schüchtern „Hi“ sagen, meine Brotdose öffnen und Euch anderen Hauhabern was anbieten. Zugegeben, mufft bisschen unfrisch, die Psycho-Stulle, aber komm, gebt`s zu, es riecht nach Heimat.

Meisen aller Hirsen, vereinigt Euch. Wir sind viele. Lasst uns gegenseitig ein bisschen sichtbarer werden. Zu verlieren haben wir glaube ich nix.