Lebensspenderinnenspeck

Grundsätzlich hat man ja den Hang dazu, in der Innenwahrnehmung etwas scheußlicher zu sein als in der Außenwahrnehmung und das gilt gleichermaßen für das Innere und das Äußere. Momentan erlebe ich, erstmalig im Leben, täglich das überraschende Gegenteil. Vor vier Monaten habe ich ein Kind geboren. Dann tat ein paar Wochen lang jede Zelle weh, doch nun fühle ich mich wirklich gut. Ich schwinge mich sogar zu der Aussage auf: so gut wie nie. Das ist höchstwahrscheinlich Quatsch, spiegelt aber deutlich wider, dass es mir wirklich gut geht. Den Glücklichen gehört der Superlativ, wusste ja schon Dostojewski. Ich fühle mich wie ein seksi Mamamann mit Kurven und Verve, ich gehe unbewusst davon aus, von einnehmender Milfigkeit umgeben zu sein die wie eine noble Parfumwolke um mich herum wabert und natürlich wabert sie angemessen nobel und dezent. Weiterlesen

Törchen 12

12.12.

Grundsätzlich ist ein Fun Fact in allen Weihnachtsbereichen besonders augenfällig: die Moderne hat dort nichts zu suchen!

Bis auf die Geschenke, die  HD-ig oder elektronischer Natur sein sollen oder wahlweise in einer Parfümerie eingefangen werden, möchte der gesamte Rest des Lebens  während der Feiertage bitte behaupten,  es habe die letzten einhundert Jahre Geschichte nicht gegeben. Wir essen von antikem Silber, wir tragen viel wärmende Wolle, wir wollen plötzlich Kerzenschein statt LEDs.

Und: Wir wollen Schnee. Oder sollen Schnee wollen, da bin ich mir nicht sicher.

Das Radio ermüdet allenthalben mit kessen Sprüchen darüber, dass wir wohl dieses Jahr nicht mit weißen Weihnachten rechnen können. Ja Mensch, schade, dann dieses Jahr mal ausnahmsweise nicht. Aber wir fahren ja noch nach Österreich snowboarden und wellnessen, da kriegen wir ja dann unseren Schnee, auf dessen Eintreffen wir wochenlang eingenordet wurden.

Ganzjährig besteht diese kleine deutsche Welt in weiten Teilen aus Stein, Metall, Beton und Plastik, an Weihnachten wollen wir von alldem nichts wissen und komplett grüngewaschen und ursprünglich sein. Warum ist das so?

Könnte es nicht sein, dass die ganze Chose erst dadurch anstrengend wird, weil wir eine gewisse Selbstverleugnung betreiben müssen?

Mein persönlicher Advent war bisher ein bisschen anders als gewohnt. Durch dieses beknatterte Schreibprojekt war ich gezwungen, mir jeden Tag Zeit zu nehmen, um  wenigstens ein grobes Gerüst aus der Rübe zu würgen. Dass die Ausformulierung der Grobgerüste  in einen hektischen Freitag und einen langen Samstagabend, gewandet in Jogginghose, strähniges Haar und pinken Froschkönigbademantel mündete, muss ja niemand erfahren.

Ich bin dadurch tatsächlich ein bisschen wacher und rührseliger durch die Welt gelaufen. Und muss sagen: das war gut.

 

Törchen 11

11.12.

Facebook sei Dank weiß ich nun, dass Angelo Kelly ein neues Album heraus gebracht hat. Es heißt Irish Christmas. In der Timeline taucht er heute plötzlich auf, der Link zu seinem Video „silent night, in Klammern Oiche Chiuin“  auf youtube. Da sage ich nicht nein, ich kann gar nicht nein sagen. Was mir dann drei Minuten und 53 Sekunden lang wiederfährt ist ein rechtschaffenes Tageserlebnis samt Weihnachtsbezug.

Begrüßt werden wir von einer wildgewordenen Flöte, die sich vergeblich zu mäßigen versucht. Im Bild sieht man in üppig gefilterten Farben ein weißes steinernes Haus in Abendstimmung,  die Kamera fährt nun zielstrebig auf ein anheimelndes Fenster zu. Eine tüchtige Stumpenkerze steht stramm hinter Einfachverglasung auf der Fensterbank, dahinter erhaschen wir langsam einen Blick auf, man muss es einmal so sagen, einen feisten Angelo Kelly samt Frau und Kinderschar. Weiterlesen

Törchen 10

10.12.

Seit dem Kaufhof-Tiefpunkt habe ich massenhaft beschissene Werbung registriert, teilweise mit Weihnachtsaufhänger, teilweise einfach ganz regulär bescheuert. Ein kleines Best-Of habe ich mir in der Hirse und im Handy notiert.

Da hätten wir:Gott statt Schrott – Bibel TV. Ein Wortspiel von imposantem Witz, eine tiefgehende Kernbotschaft, ein Slogan für die Ewigkeit.  Bin Fan der ersten Stunde.

Auf den Griffen der Benzintankhähne wirbt  eine Sparkasse abwechselnd mit „läuft“ und „immer flüssig“.

Für diese ausgeschlafene Pfiffigkeit überschüttet sich der verantwortliche Knöterich von Bank- oder Werbemensch wahrscheinlich bis heute mit anerkennenden Schulterklopfern. Mensch Rainer, diese Dinger damals an der Mundorf-Tanke, da warste echt in Form.  Weiterlesen

Törchen 9

9.12.

Heute richten wir in meinem Elternhaus ihre Zimmer ein. Auch hier kommt wieder ein ausgereiftes soziales Spinnennetz zum Tragen; viele Bekannte meiner Eltern haben Bescheid gegeben, welche Möbel sie erübrigen können und so tuckern mein Vater, die beiden Jungs und ich den halben Tag quer durch den Rhein-Siegkreis und sammeln alles ein.

Nachmittags bekommt Ibrahim einen Bildanruf von seiner Mutter und zeigt ihr sein Zimmer, führt sie mit dem Handy durch Haus. Wenn er auf einen von uns stößt sagt er unsere Namen und wir winken etwas unsicher in die Kamera. Weiterlesen

Törchen 8

8.12.

Es ist Dienstagvormittag, ich sitze allein im Auto und fahre nach Wetter an der Ruhr. Ich hole Amer und Ibrahim ab, zwei Jungs aus Damaskus, 22 und 24 Jahre alt. Sie werden ab jetzt bei meinen Eltern leben. Wir kennen uns schon, trotzdem bin ich ein bisschen aufgeregt.

Ich bin zum ersten Mal in einem Flüchtlingsheim. Es sieht ungefähr  so aus, wie ich es mir vorgestellt habe, nur dass ein verwöhntes und verschontes Köpfchen wie das meinige sich den Detailreichtum an Tristesse nicht ausmalen konnte.   Weiterlesen

Törchen 7

7.12.

Heute hatte ich eine Bahnfahrt der erquicklichen Art. Die kann man immer haben, das hat rein gar nichts mit dem Dezember zu tun. Erzählen will ich es trotzdem.  Das Wetter war mild, trocken und unverhohlen freundlich und veranlasste mich zu folgender Ansage im Geiste:

„Verehrte Leugner der Klimaerwärmung, wir haben Montag, den 7.12. und heute ist ein guter Tag für Sie. Wenn Sie sich richtig gut anstellen könnten Sie heute noch etwas lernen. Was Sie dafür tun müssen? Wahrlich nicht viel! Ich bitte Sie, zapfen Sie sich eine Tasse Kaffee und ziehen Sie sich einen luftigen Anorak über. Es ist jetzt 13 Uhr, die Sonne lacht, und Sie gehen nun bitte kurz vor die Türe. Ob zuhause oder im Büro- ganz egal! Dann lehnen Sie sich an eine sonnenverwöhnte Wand, legen den Kopf bitte schmusebereit  an den angenehm warmen Zement und nun dürfen Sie überlegen, was Ihrer Muddi zu Weihnachten gefallen könnte. E ist nämlich nicht mehr lang. Und nun: finden Sie bitte den Fehler!“   Weiterlesen