Ein heiterer Himmel

Heute Morgen war ich aus Gründen in einem Gottesdienst. Das bin ich nicht so oft. Gepredigt wurde aus dem Johannesevangelium, den Text hat man schon mal gehört: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.(…) Wer sich aber fürchtet ist nicht vollkommen in der Liebe (…)“.
In der Predigt ging es um Furchtlosigkeit und um die größtmögliche Offenheit, auch und vor allem dem Fremden gegenüber. Mit Gott kann ich ja nicht so viel anfangen, mit der Liebe aber schon, also docken die Inhalte in mir an.
Die AfD wird für ihre Furchtschürerei kritisiert, aus des Pfarrers Leben hören wir noch zwei wirklich wunderbare Anekdoten, die veranschaulichen, was er meint. So ist Kirche – nach meinen Kriterien – gut. Man geht mit vollerem Herzen raus als rein. Und das kann ja wohl nicht schaden. Am Schluss wünscht der Pfarrer seinen Schäfchen einen Sonntag voller neuer Begegnungen.
Am Fuß der Treppe vor der Dorfkirche sitze ich danach und plaudere mit meiner Freundin. Eine Frau, die schon einen Moment lang in der Nähe herum stand, als würde sie auf jemanden warten, tritt plötzlich auf mich zu, ein farbenfrohes Päckchen in den Händen.
„Entschuldigen Sie“ spricht sie mich an, „ich würde ihnen gerne etwas schenken.“ Strahlend streckt sie mir das bunte Ding entgegen. Natürlich bin ich etwas verstört, aber auch schnell ziemlich fröhlich. Die Frau ist ein paar Jahre älter als ich, stilvoll in Kleidung und Make-Up und hat ein bezauberndes Lächeln. „Es ist auch keine Bombe drin oder so, ich hoffe, sie können mit dem Inhalt etwas anfangen.“ Sie ist schon wieder auf dem Rückzug. „Können wir uns denn noch kurz vorstellen?“ frage ich. „Ich bin Christina“ sagt sie. „Ich bin Nina.“ Wir nicken uns zu, sie düst die Treppe hoch und ist dann verschwunden.
Im Auto werfe ich einen Blick ins Päckchen. Ein Teeglas von Geschwendner, weiße Fererro-Küsschen (die weißen! Meine Lieblings! Fasst man es denn?) , eine Handvoll knallbunter und gespitzter Faber-Castell-Stifte und eins von diesen hypermodernen Malbüchern für Erwachsene. Gut, dafür werde ich sicher einen freudigen Abnehmer finden, den Rest kann ich gut brauchen.

Mein Zustand auf der Rückfahrt im Auto ist schwierig zu beschreiben, am ehesten vielleicht so: selig verdattert.

Wie immer es zu dieser Szene kam: sie war wunderbar. Und jeder Drehbuchautor würde sie Dir -vollkommen zu recht – um die Ohren hauen. Jojoa nee is klar! Junge, kritische Frau, die sich mit Ach und Krach als Agnostikerin bezeichnet bekommt, verschlägt es mal in die Kirche. Der moderne Pfarrer predigt Offenheit und vor der idyllischen Dorfkirche bekommt die junge Frau von einer extrem sympathischen Dame aus heiterem Himmel ein erfreuliches Päckchen geschenkt. Das Wetter ist natürlich nett, es könnte so Mai sein. Durch ihren ohnehin offenen Charakter und sensibilisiert durch die Worte des Kirchenmannes nimmt sie das Geschenk des Himmels an. Was für ein unglaubwürdiger, platter Plot. Nach Hause gehen und neu schreiben, verstanden? Oder soll die junge Frau in der nächsten Szene an die Pfarrerstür klopfen und geläutert ihr Glaubensbekenntnis erneuern und dann verkaufen wir das Buch an Bibel TV?
Allerdings kann ich versichern, dass sich dieser merkwürdige Stoff so alles andere als platt anfühlt wenn man drin steckt. Genauso kann ich versichern, dass die Szene mit dem Glaubensbekenntnis trotzdem nicht stattfinden wird. Dieses Erlebnis befeuert allerdings den Glauben, den ich ohnehin habe: den an die Liebe und an die good vibes. Du mysteriöse Christina, das war ein voller Erfolg. Du hinterlässt eine ziemlich beschwingte Frau Goldberg. Von Herzen Dank.

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