Adventskalender mit Wörters.

Letztes Jahr schrieb ich den halben Dezember lang täglich was zum Tag – das kann man ja in diesem Jahr – wie die anständige Hausfrau den Goudarest – noch eben schnell verkochen. Also verbloggen. Ist noch gut! Das kann man noch essen!  Und bidde.

1.12.2015

Gestern passierte mir etwas, was uns allen wohl ständig passiert. Ich sagte einen Eltern-Satz. Einen Satz, den ich einhundertprozentig nicht selbst kreiert habe. Man nimmt es sich hundertmal vor sein eigener Mensch zu sein, sein eigener Mensch zu werden und in allem furchtbar individuell zu sein. Klappt halt nur bedingt.

Aber manchmal, so wie gestern, hat man Glück und schneidet es immerhin mit, wenn man plötzlich Vokabular aus der Brutstätte übernimmt. Sobald der Satz aus mir hinaus in die Freiheit gehüpft war, fiel mir auf, dass ich diese Worte in dieser Kombo noch nie gesagt, sondern bisher immer nur gehört hatte. Zur Situation: Gestern wurden Adventskalender verschenkt. Ganze drei meiner Freundinnen hatten keine bastelaffinen Eltern und alles, was sie im Leben bisher bekommen hatten waren diese lahmen Schokostückchen-Rausdrück-Exemplare aus Pappe und in einem Fall ein Überraschungseier-Kalender, was, wie ich mir versichern ließ, selbst Neunjährigen nach spätestens einer Woche zum Halse raushängt.

Da musste zur Tat geschritten werden und übers Wochenende wurde diebisch vorfreudig  gebohrt, lackiert, geshoppt, verziert und geschnürt.

Als eine der drei Damen nach Übergabe unverzüglich anfing, mit gekonntem, sanften Druck an den kleinen Päckchen herum zu fingern, sagte ich es plötzlich:

„Fühl nicht so viel!“

Dieser Satz ist nicht von mir. Meine Schwestern und ich haben ihn hundertfach zu Ohren bekommen, wenn die von Oma genähten und lange Jahre von Oma bestückten vier Kalender frisch im Esszimmer hingen. Wir sollten uns die Überraschung nicht kaputt machen, natürlich haben wir Stund´ um Stund´ trotzdem daran herum gepatscht sobald niemand kuckte. „Aha, Smartiepackung. Hm, das könnte Kaugummi sein. Die 17 ist besonders mysteriös.“

Besonders  an diesem Satz ist aber eigentlich nur eines: In absolut keinem anderen Zusammenhang wurde und wird dieser Satz in der Familie Goldberg  jemals benutzt. Denn wenn wir eines schon immer und für immer können dann ist es das: fühlen. Die Frage ist eher: können wir überhaupt noch etwas anderes?

Wir heulen wegen allem. Ich persönlich heulte einst, weil ich die falsche Pizza geliefert bekam. Ich orderte und bezahlte sie selbst, was vielleicht hinreichend Hinweise auf mein damals schon deutlich zweistelliges Alter liefert. An Weihnachten heulte ich als Kind schon ganz besonders gern, einmal wohl, weil ich die falsche Barbie geschenkt bekam, mehrmals aus Fieber. Ja, ich hatte mehrere Kindheitsjahre lang an Heiligabend ordentlich Temperatur, so aufregend fand ich die ganze Chose. Des Weiteren zwang ich kleiner Spacko meinen Vater als Kind lange Jahre, am Heiligen Abend einen Schlips zu tragen. Und auch heute noch heule ich am 24. regelmäßig, weil alles so schön ist. Weil wir es so gut haben, oder vielleicht ist es mittlerweile ein Pawlow´scher Reflex, ausgelöst durchs überhitzte Wohnzimmer in Kombination mit Marzipankartoffeln und der berühmten Bing-Crosby-CD.

Wahrscheinlich könnte man dieses Setting nachts um mich herum aufbauen; die Heizung voll aufdrehen, eine halbe Marzipankartoffel in jedes meiner Nasenlöcher stecken, den Titel „silver bells“ von besagter CD langsam einfaden und sich dann verkrümeln, und ich wette, ich würde heulend aufwachen.

Wir sind im besten Sinne eine fühlige Familie. Selbst das maskuline Oberhaupt reißt ganzjährig angestrengt  die Augen auf und legt in einem zumeist zum Scheitern verurteilten Akt der Selbstbeherrschung blinzelnd den Kopf  in den Nacken, wenn man von, sagen wir mal, einem aus dem Nest gefallenen Vogelbaby erzählt.

Es gibt Erlebnisse, die kann ich wunderbar und souverän schon fünf Leuten tränenfrei erzählt haben; wenn ich davon am Familienesstisch berichte wird in jedem Fall geknatscht. Meistens ist jemand so nett und steigt mit ein. Ich kenne die Heulgesichter von all meinen Familienmitgliedern, nichts davon ist mir fremd.

Es kann durchaus sein, dass wir mit dieser Fühligkeit immer mal wieder übers Ziel hinaus schießen. Manche Entscheidung trifft sich gewiss besser mit einem klaren Kopf, und der ein oder andere Knatschanfall mag eher hinderlich als hilfreich gewesen sein. Und trotzdem kann ich es kaum erwarten: das überhitzte Wohnzimmer, die wuseligen Hunde, die Schwestern, der Schwager, die Eltern, der Ehemann, vereint in einer wohligen Melange aus Rotwein, Tee, Gebäck, und gerührten Augen, weil wieder jemand jemandem ein ganz besonders einfallreiches Geschenk gemacht hat. An Weihnachten sind wir wirklich ein bisschen eklig. Und ich liebe es.

 

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