Matsch statt Mathe!

Ein Alptraum vom wieder-in-die-Schule-müssen.

In der Nacht von Sonntag auf Montag träume ich es: ich soll wieder in die Schule gehen.  Beim Gebäude handelt es sich um meine alte Schule in größer, moderner, unübersichtlicher. Zwei Stunden Mathe stehen als Start meines ersten Tages auf dem Programm. Ja ganz toll, darin war ich ja besonders überragend. Ich bin scheinbar  in Stufe zwölf, aus mir nicht näher bekannten Gründen soll ich das Abi nochmal machen. Es gibt wohl Zweifel daran, dass ich es damals mit rechten Dingen geschafft und erhalten habe. Meine Mitschüler sind höflich und lassen mich in Ruhe. Auf dem Flur hört man Schritte, das berühmte Pampam von Absatzschuhen resoluter Lehrerinnen auf Steinboden. Im Vorraum sagt die zum Schuhwerk gehörende Stimme,  dass unser Lehrer nicht da sei und auch wenn das Schuljahr schon fast gelaufen sei, sollen wir uns „ruhig und gesittet“ in  Raum 125 begeben, um dort „Deutschplättchen“ zu machen. Deutschplättchen kenne ich nicht; die Bitte, ruhig und gesittet den Raum  zu wechseln hingegen schon; in Kombination mit dem Schuhgeräusch ergibt das einen richtig miesen Backflash.  Dass ich im Gegensatz zu Uni oder  Arbeit wirklich ungern in die Schule ging habe ich zwar nie vergessen, aber wie spröde und mau sich das im Alltag anfühlte, konnte ich bis gerade verdrängen.

Das Unterschriftensystem ist neu. Eine Schülerin hält mir einen Stapel Listen hin, ich solle meine Anwesenheit darauf bezeugen. Ich blättere wild durch den Papierberg, unterdrücktes Mitschülerkichern begleitet mich;  die Listenfrau klärt mich auf, dass das eine Wochenliste ist und blättert für mich zur richtigen Stunde. Mein Kugelschreiber geht  nicht. Mehr noch: er verliert in grotesken Mustern Farbe, wenn man versucht, damit zu schreiben. Nach kürzester Zeit sieht es auf meiner Linie aus, als hätte ein Golem, der heute erst schreiben lernte, versucht, meine Unterschrift zu fälschen.  Das Kichern wird größer. Ruhig und gesittet wechseln wir zum Deutschplättchenraum. Vorbei am Sekretariat, das ich immer mochte. Mir fällt ein, wie  ein Freund von mir und ehemaliger Schüler einmal  weit nach seinem Abi plötzlich ins Sekretariat gestapft kam, um an diesem heißen Sommertag den Sekretärinnen ein Schälchen Erdbeeren zu bringen. Da verliebte ich mich einmal mehr in diesen wunderbaren Menschen.

Im Deutschplättchenraum erschrecken sich alle: Ein sehr großer blonder Schüler, – er wirkt zu alt für den Laden; nicht so grotesk zu alt wie ich aber so wie mindestens dreimal sitzengeblieben -, robbt über die Schränke, wirft mit Büchern, singt. Sieht Gespenster, lacht laut, wirft mehr Bücher. Piddelt Folieneinbände von Buchdeckeln ab. Ein Mitschüler will den Sicherheitsdienst rufen. Den Sicherheitsdienst? Wie bitte?  Ach, früher war doch manches besser. Ich sage, das sei nicht nötig, klettere auf den Schrank und robbe zu ihm herüber. Er lässt mich sofort mitpiddeln. Wir legen Linien aus Piddelknübbelchen auf den Schrankrand und summen was  Ausgedachtes im Kanon. Irgendwann flüstere ich ihm was vom Blätterwachstum. Ich sage „Draußen, mein Freund. Denk an ein großes, frisches Blatt, auf das die Sonne scheint. An das frische Grün und an die Blattadern, durch die das Blattblut rauscht. Hörst Du das?“  Ich schwärme biologisch haltlos verkehrt  vom Innenleben und Wachstum der Blätter und Pflanzen. Vom „knicksen und knacksen“.  Was erzähle ich denn da? Aber es funktioniert. Ich talke den Schüler erfolgreich vom Schrank herunter  wie von einer Brücke.  Unsere Körperseiten berühren sich, wir lehnen uns leicht aneinander, er ist warm und duftet gut. Unter den stillen Augen der Mitschüler verlassen wir den Klassenraum. Die Flure riechen wie damals nach Käsefuß und Fensterkitt, das Gelände draußen sieht aus wie eine verwilderte Bundesgartenschau. Es ist herrlich.

Mit dem verrückten Mitschüler sitze ich hellgrün beschienen unter einem riesigen Blatt, er ruft  leise nach Hummelfreunden.  Ich bemerke, wie gut es mir hier unten geht und wie gut es meinem verrückten Hummelfreund geht. Ich will noch mehr auf seine Linie, versuche, meine Hirnstruktur der seinen anzupassen. Alles wird  augenblicklich lauter; ich höre mehr Insekten, mehr Wind, mehr Singvögel, mehr gedämpften Menschenlärm und ich höre ein unbekanntes , sehr kleines, knispeliges Geräusch, dem gehe ich nach. Ich finde mich auf dem Bauch liegend wieder, vor einer Art Höhle, in eine ernsthafte Unterhaltung mit einer Feldmaus verwickelt. Sie beschwert sich über die Futter- und Nisthilfen, die die Schule ihnen bereitstellt. „Kein Mensch möchte in so was Kinder kriegen!“ zetert die Maus und tritt gegen eine mit Stroh gefüllte Plastikwanne. Ich versuche zu schlichten, argumentiere, dass es ja schon überhaupt sehr nett von der Schule sei, sich im Biounterricht um so etwas zu kümmern anstatt beispielsweise Frösche zu sezieren. Da wird die Maus blass und stimmt mir zu.  Was  genau sie denn bräuchten, frage ich, und sie zeigt auf eine Gruppe sehr kleiner, leicht in der Erde verbuddelter Südseemuscheln. „Das da. Mit schmalem Eingang. Davon brauchen wir viel mehr.“ Neben den Muscheln wackelt plötzlich etwas im Boden, die Maus versteckt sich seitlich hinter mir und zischt „Jetzt haben wir ihn verärgert!“  Aus dem torfigen Boden erhebt sich nun eine Art XXL-CD-Laufwerk mit surrenden Roboterbeinchen und beleidigtem Gesicht. Im Krebsgang macht sich das Gerät davon. Auf meine an die Maus gerichtete Frage, was das war, bekomme ich zur Antwort: „Der Nistroboter. Haben sich irgendwelche Nerds ausgedacht. Ist `ne Kamera drin. Meinen die, wir ziehen irgendwo unsere Kinder groß, wo Kameras installiert sind? Die gläserne Maus? Nein Danke“  Ich habe viel Verständnis für ihre Aussage, immerhin klebe ich bei Laptops und Smartphones auch immer die Kamera zu, ein Hauch Paranoia hat noch keinem geschadet, aber trotzdem muss ich über die Formulierung der „gläsernen Maus“ schon sehr lachen. „Schau mal!“ rufe ich laut zum Hummelfreund, der immer noch unter seinem Blatt hockt, und zeige auf den eingeschnappt abdampfenden Nistroboter. Hummelfreund lacht laut und ruft „Wie Boris Becker, wenner verloren hat!“

Zu dritt werfen wir uns danach mit verschieden großen, schlecht aufgepumpten Gymnastikbällen in einen köstlich klaren Tümpel.

Und die Moral von der geträumten Geschicht`:  in die Schule ginge ich nicht. Eher versuchte ich wohl, mich auf die Hirnströme eines LSD-Konsumenten oder ordinär Freundlichverrückten einzugrooven, um der Hölle der Deutschplättchen, Anwesenheitslisten und Matheklausuren  zu entgehen. Matsch statt Mathe! Blätter statt Papier, Mäusediskussionen statt Klausuren.

 

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