Stolpersteine

Stolpersteine.

Ich mag die. Goldene Pflastersteine im grauen Betonalltag.

Allein deshalb mag ich sie: weil man während eines hastigen Ganges tatsächlich kurz abgelenkt wird, sich nicht dagegen wehren kann, wahrzunehmen, was dort geschrieben steht. Und wenn man Muße hat, dann besieht man sich die angewetzten, funkelnden kleinen Klötze eben genauer.

Jetzt habe ich den Schönsten entdeckt, und er liegt tatsächlich in meiner Straße. Beinah sechs Jahre lebe ich hier – so klein sind sie nämlich, dass man auch auf bekannten Wegen immer wieder welche entdeckt.

Moses Herz. Das steht auf meinem Lieblingsstein. Moses Herz. Beim ersten Lesen war ich sicher, noch keinen Namen vorher gehört zu haben, der so freundlich und weise klingt. Natürlich habe ich keine Ahnung, ob Herr Herz auch nur ansatzweise solche Tugenden sein eigen nennen konnte und es geht mich vielleicht auch gar nichts an.

Ein paar Meter vorher, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wohnten anscheinend auch noch einige Herzen; Edita, Otto, Anna Herz. Vielleicht gehörten alle Herzen zu einer Familie, der Moses war vielleicht der  alleinstehende Großonkel, zu dem die Kinder flüchteten, wenn es zuhause ungemütlich wurde. Vielleicht war er aber auch nur ein entfernter Verwandter, der allenfalls der eigenen Stimmung entsprechend gegrüßt wurde. Und genauso vielleicht war er ein knorriger, blöder Sack.

Aber wenn ich, Jahrzehnte später, diese Straße entlang gehe, dann ist Moses Herz in meiner Fantasie ungefähr eins fünfundsiebzig groß, mit sonnenstrahligen Lachfalten, rundherum um wache Augen. Am liebsten hätte ich, er hätte ein kleines Geschäft, sagen wir, einen Kiosk. Er kennt alle Kinder der Straße und alle kennen ihn. Ein dunkler, kühler Laden – im Sommer.  Im Winter überheizt und mit beschlagenen Fenstern, an denen in schmalen Bächen Kondenswasser herunter läuft. Bei Gelegenheit bleiben viele Kunden auf einen Plausch, ein paar Stammkinder sitzen oft mittags hinter der Glasscheibe auf der breiten Fensterbank und machen Hausaufgaben. Moses Herz macht unterdessen seine Bücher und beantwortet ohne aufzusehen ab und an ihre Fragen.

Einmal bringt er ein Kind  eigenhändig zu dessen Eltern und schließt dafür sein Büdchen. Das Kind wollte gänzlich verheult Lakritze kaufen und auf Nachfrage kam heraus, dass es einen Tadel nach Hause bringen muss, wegen Rauferei in der großen Pause.

Durch den verklärten Kitsch der eigenen Gedanken entspinne ich – noch immer Einkaufstüten tragend und mit einem Paket unterm Arm – einen kurzen Gegenentwurf, auf den letzten Metern bis nach Hause. Jetzt ist Moses Herz der Freak seiner Familie, schändlicherweise sein Leben lang Junggeselle, mit undurchsichtigem Privatleben. Auf Familienfeiern lässt er keine Gelegenheit aus, seinen Geschwistern zu verklickern, dass diese ihre Kinder nicht richtig erziehen, stellt seinen Neffen und Nichten verwirrende Fragen, deren Logik eigentlich nur ein Erwachsener durchblicken kann. Er führt sie vor und genießt die Unsicherheit der heranwachsenden Verwandtschaft. In seiner Jugend hatte er mal einen Prozess am Hals wegen einer schlimmen Thekenschlägerei, bei der sein Gegenüber auf einem Auge erblindete. Spätestens seitdem ist er niemandem mehr geheuer und er gibt sich jeden Tag Mühe, niemandem geheuerer zu werden.

Vielleicht war Moses Herz aber auch komplett nichtssagend. Unspektakulär, langweilig. Nicht bös, nicht nett. Ein Mann, bei dem sich niemand an Details erinnert; über den – selbst wenn Verwandtschaft überlebt haben sollte – keine Geschichten erzählt werden können, weil niemandem etwas einfallen würde. Wenn alte Fotos geschaut werden fragt immer einer, wer der zweite von links in der obersten Reihe ist und jedes Mal muss neu nachgedacht werden.

„Das ist doch der Bruder von Oma Katharina!“ wird gerufen. „Nein, niemals. DAS hier ist Katharinas Bruder. Das ist Opas Cousin aus Köln. Oder.“  „Es könnte auch Marthas Cousin sein, der hat doch irgendwie mal ´ne Zeit bei denen mitgewohnt.“

Solche Gespräche würden vielleicht über Moses Herz geführt, gäbe es Bilder und gäbe es eine lebendige Verwandtschaft.

Aber ist es nicht so, denke ich, Treppen herauf kraxelnd und das Einschneiden der Einkaufstüten spürend, dass gerade deshalb die Stolpersteine eine gute Idee waren? Ihre Kritiker finden sie unwürdig, da man auf ihnen herum trampelt.

Ich, gerade mal dreißigjährig, vom Elend dieses abscheulichen Krieges Universen weit entfernt, ich, die keine Ahnung hat, was es bedeutet, verfolgt zu werden. Die keinen Schimmer hat von jedwedem Verzicht, von Gefahr, von realer Angst.

Beschäftige mich meinen gesamten Heimweg mit dem potentiellen Leben und Wirken von Moses Herz. Klettere in meine sichere Wohnung zurück. Vielleicht war er ja auch noch gar nicht alt genug für eine meiner Versionen, vielleicht war Moses ein Schulkind? Muss ich beim nächsten Mal genauer nachsehen, ob da was dazu auf dem Stein steht.

Üppige Einkäufe werden ausgeräumt, die Post sortiert, dabei werden Schuhe abgestreift. Wenn er ein Schulkind war, wo war dann in dieser Zeit eigentlich die nächste Schule? War die schon da, wo die heute steht?

Kühlschrank auf, Sachen rein, Kühlschrank zu.

Sicherheit. Fülle. Nur für einen Moment öffnete sich ein Spalt zu einer düsteren Vergangenheit, die Vergangenheit ist. Danke fürs daran erinnern, du Pflasterstein in meiner liebsten Farbe. Ich habe es gut. Nicht zu fassen, wie gut ich es habe.

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