Törchen 2

2.12.2015

Im Blumenladen  entdecke ich an der Kasse zwischen allerlei buntem Gebimsel einen Flyer: Der Bonner Weihnachtszirkus ist zurück! Während sich die morgige Braut, die ich begleite, ein hübsches Sträußchen zurecht delegiert, sehr zum farbästhetischen Leidwesen der Fachfloristikerin, atme ich scharf ein, denn sie überfällt mich, die traumatische Erinnerung an den Weihnachtszirkusbesuch mit einem zappeligem knapp achtjährigen Kind vor zwei Jahren.

Glücklicherweise gab es zu diesem Zeitpunkt längst whatsapp, damit ich die um mich herum geschehenden Skurillitäten wenigstens in verknappte Nachrichtenform verarbeitet weitergeben konnte und somit nicht gänzlich allein war. 

Den Auftakt machte die schlechtgelaunteste Popcornverkäuferin der Welt. Später musste sie auch noch ans Trapez, und da der Zirkus zweimal täglich zur Vorstellung lädt, konnte ich ihre Laune in Ansätzen verstehen. Sie hätte uns jedenfalls gerne eine gedonnert, was dazu führte, dass ich sie gerne vom Trapez geschubst hätte.

Dann nahmen wir unsere Plätze in einer kleinen Loge direkt am Manegenzaun ein, die sich leider auch in direkter Nachbarschaft  einer unangenehmen Heizluftanlage befand, aber das bemerkten wir zu spät. Bei besagtem Gerät handelte es sich um ein schlauchartiges Konstrukt, ähnlich den Gartenkrabbelschläuchen für Kinder, und es pustet ab Beginn emsig, unermüdlich, -annähernd streberesk- warme trockene Luft zu uns. Das Gefühl ist vergleichbar mit dem Eintritt in eine Kaufhoffiliale an einem kaltnassen Dezembertag. Man betritt frierend eine der sechs Glastüren und muss stehenden Fußes fast brechen, sobald man eine Lungenladung Mitmenschausdünstungen gepaart mit  überhitzter sauerstofffreier Luft aus Versehen eingeatmet hat und umgehend heftig in die Daunenjacke transpiriert. Genau darin saßen wir volle zwei Stunden.

Sodann folgte der Auftritt des allgemeinen Ansagers, er ist auch angeblich der Direktor dieser obskuren Veranstaltung und gänzlich in blaue Pailletten gekleidet. Er kündigt während des langwierigen Einlasses durchweg stark lispelnd und ultra gelangweilt „Daß lußtige Ponyreiten für nur zßwei Euro“ an. Auf drei Shettlandponies kann man von fürderhin auch sehr gelangweiltem weiteren Personal eine am Strick geführte Mangenrunde drehen.

Unentwegt sagt der blauglitzernde Mann „daß lußtige Ponyreiten für nur zßwei Euro“.  In Schleife. Im ersten Moment denke ich, es kommt von Band, aber da habe ich mich geschnitten. Er tut das schon live, mit einem Mikrofon in der rechten Hand, eines der blauglitzernden Beine, aus welchem am Hosenbund eine ältliche Tennissocke  keck herauslugt, auf den Manegenrand gestützt, die Augen konzentriert und mitpiddelnd auf die linke Hand fixiert, schiebt er stoisch Nagelhautstückchen mit dem Daumen zurück an Ort und Stelle. Ich kann dem Kind eine Teilnahme am lußtigen Ponyreiten ausreden. Tusch für mich bitte.

Das nächste Highlight nach ein paar durchschnittlichen Zirkusnummern, an die ich nicht die blasseste Erinnerung habe, ist der Auftritt des Clowns. Er schwankt bedenklich, schiebt seinen in ein überraschungsfreies Clownskostüm gepfropften Körper samt strammer Riesenwampe in Richtung Manege. Als er seitlich zu uns gerichtet seinem Clownskollegen am anderen Ende des Perfomance-Runds  etwas zu grölt kann ich es wittern: eine heftige Schnapsfahne. Nicht zu überriechen. Das weitere Clownsprogramm besticht durch beeindruckende Ödnis, es wird Wasser aus Blumen gespritzt, ab und an trötet irgendwo etwas kümmerlich auf, und man fällt auf vielfältige Weisen hin. Das wird ihm bei steigendem Pegel sicher immer leichter fallen, und da alle anwesenden Kinder sich über das Gestolpere vollkommen beölen, wollen wir den Schnaps mal wohlwollend als performative Mimenhilfe bezeichnen.

Das nächste Highlight liefert ein Faupax in der Hundeshow. Hektische Terrier in allen Farben  laufen über Balken, stellen sich in Formationen auf, gehen Wippen entlang und können tolle Kommandos. Überraschend springt ein Hund mitten in der Choreographie vom Siegertreppchen und kackt einen riesigen Haufen, per Augenmaß ungefähr die Hälfte seiner eigenen Körpergröße, mitten hinein ins saubere Kaninchenstreu, welches den gesamten Manegenboden bedeckt. Die Hundedompteuse ist extrem sauer und kann dies nicht verbergen, obwohl sie weiterhin fleißig grinst. Das arme Tierchen wird bestimmt hinterm Samtvorhang eine kassieren und wir können nichts dagegen machen.

In der Pause sehe ich die Popcornverkäuferin wieder, diesmal leicht verschwitzt, und kann mir endgültig sicher sein putty , dass ihre Laune nichts mit uns zu tun hatte. Sie wirkt noch zehn Meter gegen den warmen Wind und gegen alle hier herrschenden wild gemischten Essensgerüche hochaggressiv.  Richtiggehend unheimlich ist sie, jeden Moment könnte sie aus ihrer Popcornbude springen und jemanden abstechen. Kein zweites Popcorn für uns.

Die zweite Hälfte des Programms wird eröffnet durch trabende Kamele, die man mit bunten Satteldecken überworfen hat; bei dieser Nummer besteht der Thrill auf unseren Plätzen darin, geschickt den virtuos fliegenden Spuckefäden der hoppelnden Wüstenschiffe auszuweichen.

Und nun kommen wir zum allerschönsten Schiefgänger des  gesamten Abends. Ein extrem homosexueller, braungebrannter Jüngling von maximal 20 Jahren tritt auf, in viele flatterige Bahnen blauen und grünen Stoffes gehüllt, er trägt viel Glitzer im Gesicht, auch künstliche Wimpern wurden  angebracht. Mir fällt auf, dass seine Zähne sehr in Ordnung sind, und mir fällt auf, dass mir das wohl auffällt, weil der Rest der bisher vorturnenden Belegschaft damit nicht aufwarten konnte.

Auf seinen Schultern und Armen haben sich mehrere bunte Papageien in den Tüll gekrallt, er führt sie breit grinsend und mit ausschweifenden Armbewegungen den Zirkusbesuchern vor. Nun beweist er uns, dass sie dressiert sind und schickt sie einen nach dem anderen auf die Reise quer durchs Zirkuszelt und zurück auf seinen Körper. Ein großer blauer Ara dreht nun eine kleine Runde und soll dann zurück zum Jüngling, aber das macht er einfach nicht; seine Kreise werden größer und größer, er verliert kontinuierlich an Höhe, immer gefolgt von allen anwesenden Augenpaaren. Plötzlich setzt er zum Sturzflug an und landet rabiat  auf der Schulter einer älteren Dame, die ohne Vorwarnung vollkommen hysterisch wird. Sie weint sofort und wimmert laut und schüttelt wild ihre Händchen in die Luft, dem Ara ist das piepegal. Einer der klassisch rotschwarzgekleideten Pagenboys eilt ihr zu Hilfe und versucht mit sichtlichem Respekt den Vogel von ihr herunter zu scheuchen. Gänzlich unbeeindruckt wiederum gebart sich der Ara. Man spürt,  dass das hier gerade eine wirkliche Ausnahmesituation ist, alle schnarchigen Mitglieder des Zirkusclans sind plötzlich hellwach.

Irgendwann entscheidet das Tier einfach, sich wieder in Bewegung zu setzen  und fliegt gemächlich zum blaugrünen Jüngling zurück.

Abschluss Zirkus, dem Himmel sei Dank.  Das Kind fragt, ob wir nächstes Jahr wieder gehen. Ich bleibe vage und mache eklige Erwachsenenausweichangebote wie Theater oder das Sea Life Center.  Seine mitfühlende Mutter setzt fürs nächste Jahr bereits im April die Oma auf den Zirkusjob an.

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Törchen 6

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