Törchen 12

12.12.

Grundsätzlich ist ein Fun Fact in allen Weihnachtsbereichen besonders augenfällig: die Moderne hat dort nichts zu suchen!

Bis auf die Geschenke, die  HD-ig oder elektronischer Natur sein sollen oder wahlweise in einer Parfümerie eingefangen werden, möchte der gesamte Rest des Lebens  während der Feiertage bitte behaupten,  es habe die letzten einhundert Jahre Geschichte nicht gegeben. Wir essen von antikem Silber, wir tragen viel wärmende Wolle, wir wollen plötzlich Kerzenschein statt LEDs.

Und: Wir wollen Schnee. Oder sollen Schnee wollen, da bin ich mir nicht sicher.

Das Radio ermüdet allenthalben mit kessen Sprüchen darüber, dass wir wohl dieses Jahr nicht mit weißen Weihnachten rechnen können. Ja Mensch, schade, dann dieses Jahr mal ausnahmsweise nicht. Aber wir fahren ja noch nach Österreich snowboarden und wellnessen, da kriegen wir ja dann unseren Schnee, auf dessen Eintreffen wir wochenlang eingenordet wurden.

Ganzjährig besteht diese kleine deutsche Welt in weiten Teilen aus Stein, Metall, Beton und Plastik, an Weihnachten wollen wir von alldem nichts wissen und komplett grüngewaschen und ursprünglich sein. Warum ist das so?

Könnte es nicht sein, dass die ganze Chose erst dadurch anstrengend wird, weil wir eine gewisse Selbstverleugnung betreiben müssen?

Mein persönlicher Advent war bisher ein bisschen anders als gewohnt. Durch dieses beknatterte Schreibprojekt war ich gezwungen, mir jeden Tag Zeit zu nehmen, um  wenigstens ein grobes Gerüst aus der Rübe zu würgen. Dass die Ausformulierung der Grobgerüste  in einen hektischen Freitag und einen langen Samstagabend, gewandet in Jogginghose, strähniges Haar und pinken Froschkönigbademantel mündete, muss ja niemand erfahren.

Ich bin dadurch tatsächlich ein bisschen wacher und rührseliger durch die Welt gelaufen. Und muss sagen: das war gut.

 

Törchen 11

11.12.

Facebook sei Dank weiß ich nun, dass Angelo Kelly ein neues Album heraus gebracht hat. Es heißt Irish Christmas. In der Timeline taucht er heute plötzlich auf, der Link zu seinem Video „silent night, in Klammern Oiche Chiuin“  auf youtube. Da sage ich nicht nein, ich kann gar nicht nein sagen. Was mir dann drei Minuten und 53 Sekunden lang wiederfährt ist ein rechtschaffenes Tageserlebnis samt Weihnachtsbezug.

Begrüßt werden wir von einer wildgewordenen Flöte, die sich vergeblich zu mäßigen versucht. Im Bild sieht man in üppig gefilterten Farben ein weißes steinernes Haus in Abendstimmung,  die Kamera fährt nun zielstrebig auf ein anheimelndes Fenster zu. Eine tüchtige Stumpenkerze steht stramm hinter Einfachverglasung auf der Fensterbank, dahinter erhaschen wir langsam einen Blick auf, man muss es einmal so sagen, einen feisten Angelo Kelly samt Frau und Kinderschar. Weiterlesen

Törchen 10

10.12.

Seit dem Kaufhof-Tiefpunkt habe ich massenhaft beschissene Werbung registriert, teilweise mit Weihnachtsaufhänger, teilweise einfach ganz regulär bescheuert. Ein kleines Best-Of habe ich mir in der Hirse und im Handy notiert.

Da hätten wir:Gott statt Schrott – Bibel TV. Ein Wortspiel von imposantem Witz, eine tiefgehende Kernbotschaft, ein Slogan für die Ewigkeit.  Bin Fan der ersten Stunde.

Auf den Griffen der Benzintankhähne wirbt  eine Sparkasse abwechselnd mit „läuft“ und „immer flüssig“.

Für diese ausgeschlafene Pfiffigkeit überschüttet sich der verantwortliche Knöterich von Bank- oder Werbemensch wahrscheinlich bis heute mit anerkennenden Schulterklopfern. Mensch Rainer, diese Dinger damals an der Mundorf-Tanke, da warste echt in Form.  Weiterlesen

Törchen 9

9.12.

Heute richten wir in meinem Elternhaus ihre Zimmer ein. Auch hier kommt wieder ein ausgereiftes soziales Spinnennetz zum Tragen; viele Bekannte meiner Eltern haben Bescheid gegeben, welche Möbel sie erübrigen können und so tuckern mein Vater, die beiden Jungs und ich den halben Tag quer durch den Rhein-Siegkreis und sammeln alles ein.

Nachmittags bekommt Ibrahim einen Bildanruf von seiner Mutter und zeigt ihr sein Zimmer, führt sie mit dem Handy durch Haus. Wenn er auf einen von uns stößt sagt er unsere Namen und wir winken etwas unsicher in die Kamera. Weiterlesen

Törchen 8

8.12.

Es ist Dienstagvormittag, ich sitze allein im Auto und fahre nach Wetter an der Ruhr. Ich hole Amer und Ibrahim ab, zwei Jungs aus Damaskus, 22 und 24 Jahre alt. Sie werden ab jetzt bei meinen Eltern leben. Wir kennen uns schon, trotzdem bin ich ein bisschen aufgeregt.

Ich bin zum ersten Mal in einem Flüchtlingsheim. Es sieht ungefähr  so aus, wie ich es mir vorgestellt habe, nur dass ein verwöhntes und verschontes Köpfchen wie das meinige sich den Detailreichtum an Tristesse nicht ausmalen konnte.   Weiterlesen

Törchen 7

7.12.

Heute hatte ich eine Bahnfahrt der erquicklichen Art. Die kann man immer haben, das hat rein gar nichts mit dem Dezember zu tun. Erzählen will ich es trotzdem.  Das Wetter war mild, trocken und unverhohlen freundlich und veranlasste mich zu folgender Ansage im Geiste:

„Verehrte Leugner der Klimaerwärmung, wir haben Montag, den 7.12. und heute ist ein guter Tag für Sie. Wenn Sie sich richtig gut anstellen könnten Sie heute noch etwas lernen. Was Sie dafür tun müssen? Wahrlich nicht viel! Ich bitte Sie, zapfen Sie sich eine Tasse Kaffee und ziehen Sie sich einen luftigen Anorak über. Es ist jetzt 13 Uhr, die Sonne lacht, und Sie gehen nun bitte kurz vor die Türe. Ob zuhause oder im Büro- ganz egal! Dann lehnen Sie sich an eine sonnenverwöhnte Wand, legen den Kopf bitte schmusebereit  an den angenehm warmen Zement und nun dürfen Sie überlegen, was Ihrer Muddi zu Weihnachten gefallen könnte. E ist nämlich nicht mehr lang. Und nun: finden Sie bitte den Fehler!“   Weiterlesen

Törchen 6

6.12.

Alljährlich wird in unserem Land das Unwort des Jahres gekürt. Jetzt gerade befinden wir uns in der ganz heißen Phase, denn noch bis zum 31. des laufenden Monats kann ein jeder seine Vorschläge für diese Auszeichnung einreichen.

Wie es sich für eine anständige intellektuelle Jury gehört hat diese sich vor einiger Zeit mit dem Vorstand der federführenden „Gesellschaft für deutsche Sprache“ derart verkracht, sodass sie nun solo unterwegs ist mit einem ganz und gar unsperrigen Namen, der „sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“; die wiederum von anderen intellektuellen Sprachkritikern oft angefeindet wird ob ihrer angeblich mangelhaften Recherche und vorsätzlich irreführenden Lesart. Kurzum: Es handelt sich bei diesen beiden verkeilten Personenkreisen um einen gewöhnlichen Haufen Manufaktum-Kunden mit  Zeit-Abonnement, die wissen, dass die Hauptstadt von Tansania früher Daressalam und heute Dodoma heißt,  die stundenlang  und mit Akribie die Kommentarspalten unter politischen Artikeln im Internet lesen, aber niemals die eigene Position darunter schreiben würden weil ihnen für „so etwas ihre Zeit zu schade ist“, die vielleicht schon einmal eine Gemüsetüte im Abo hatten, und die außerdem Weiterlesen

Törchen 5

5.12.

Der heutigen Erlebnisarmut geschuldet habe ich eine  Umfrage gemacht, wie viele Menschen sich auf Weihnachten freuen und wie viele nicht. Es steht 7 zu 3 fürs Team Weihnachten.

Da ich lückenlos und mit empirisch wasserdichten Methoden gearbeitet habe, kann man sich diese Zahl ruhig merken.  Im Zuge dieser Studie erhielt ich eine SMS mit folgender Botschaft:

„Kannst du in einem deiner Texte bitte auch meine Überlegung einbauen, dass der größte Stress an Weihnachten daraus resultiert, dass die Leude mit ihrer übersteigerten Erwartungshaltung an die Festtage leider regelmäßig vergessen, dass die Famillich, die sie dann treffen exakt dieselbe ist, wie an den anderen 362 Tagen im Jahr? Fiel mir heute im Gespräch mit meiner Mutter so auf. Grüße“

Törchen 4

4.12.

Der heutige Freitag besticht durch ein paar sehr erfreuliche kleine Notizen, die definitiv etwas mit Weihnachten zu tun haben.

  1. Zum Frühstück gab es ein knackiges Stück Schokonikolaus, da ich gestern im Restaurant die Deko gestohlen habe. Das Duett aus einem lächerlichen Hauch krimineller Energie und Theobromin zum Frühstück wirkt definitiv stimmungsaufhellend.
  2. Im Tonstudio meiner Wahl gibt es zusätzlich zur ganzjährigen Standardkeksdose nun ein paar Meter weiter noch einen üppigen, bunten Pappteller voller Gebäck und Nüsse. Stimmung wird noch weiter aufgehellt.
  3. Im Drogeriemarkt meiner Wahl, in dem ich einkaufe weil ich hier Mensch bin,- bei Rossmann bin ich ein gelber Zeisig und bei Müller leider ein Hirsch – , gibt es ihn wieder, den köstlichen Adventskräutertee. Nach Weihnachten kauft man traditionell ein paar Packungen zum halben Preis und dann, sobald man sich daran erfolgreich übertrunken hat, verschwindet er höflich für viele Monate in den Schatten.
  4. Aus dem Auto heraus sehe ich eine so entwürdigend bescheuerte saisonale Werbekampagne der Galeria Kaufhof, dass man aus der Bluse springen möcht. Unter Zuhilfenahme der üblichen Weihnachtsassoziationserweckungsfarben Tannengrün und Gold ist eine rappellangweilige Herrenarmbanduhr abgebildet. Es ist die durchschnittlichste Uhr, die man sich nur ausdenken kann. Man braucht wahrscheinlich psychoaktive Drogen, um eine solch perfekte Abstraktion zu bewerkstelligen. Eine Uhr, die man auch nach drei Jahren des Tragens zwischen ein paar weiteren Uhren nur an besonderen Kratzspuren erkennen könnte. Dazu der Slogan: „Weihnachtswünsche werden wahr.“ Au ja, ich möchte eine Uhr, die aussieht, als wäre sie auf einem Lernspielkärtchen für Kleinkinder abgebildet , die ich unter hunderten nicht wiedererkennen würde, geschweige denn unter dreien. Wenn ich diese eigenschaftslose Uhr endlich mein eigen nennen darf, wird endlich alles gut sein.“ Hat für diesen faden Haufen Kakka die Kaufhofgruppe Geld an eine Werbefirma gezahlt, die sich nach wildbekoksten Thinktanks diesen Satz schlussendlich aus einer ausgehenden Nachtschicht im ersten Licht des anbrechenden Tages aus den Rippen leierte oder hat das zwischen zwei Gängen zum Drucker mal eben der Praktikant ausgerotzt? Weil dann wäre es gar nicht mal schlecht.
  5. Um 14 Uhr klingelt es an der Türe und man bekommt Kaffeebesuch von einer Freundin. So weit so gewöhnlich. Allerdings hat sie heute ordentlich einen in der Krone, da sie zum wiederholten Male mit ihren Kollegen gute Gründe hatte, die Mittagspause, beziehungsweise den Feierabend auf dem Weihnachtsmarkt zu verbringen. Drei Glühwein hat die kleine Person in der Hirse, ihre Bäckchen sehen aus wie aus einem russischen Weihnachtsfilm, wie kreisrund aufgetragenes, kräftiges Rouge. Nach mehreren Fleischsalatbroten und zwei Tassen Kaffee kann sie wieder in die Zivilgesellschaft eingegliedert werden.
  6. Dezember, ich mag Dich. Leckere Dinge in flüssig und fest, fröhliche mittags betrunkene Freunde und Werbung so schlecht dass die Schwarte kracht. So kann es bleiben.