Gestatten: Kackbratze. I am your Panikstörung.

Geschafft. Meine Verpflichtungen für heute sind erledigt. Und ich bin es auch. Eigentlich war das heute ein locker und froh gestrickter Tag, weit weg von einer Kernstressigkeit, aber er hatte dennoch einen großen Haken. Wie ihn einige meiner Tage haben.

Seit meiner Jugend hantiere ich mit einer Panikstörung herum. Zu Anfang waren das seltene Phänomene, bedrohliche Ausnahmesituationen, die mich viel Kraft kosteten, aber wenn sie überstanden waren, verschwanden sie wieder in den Schatten für angenehm lange Zeit. Schatten sind ein gutes Stichwort, weil auch wenn die Panik gerade nicht akut ist lauert sie genau dort. Sie reist mir hinterher und ist nie komplett abwesend, nur manchmal ist sie eben leise, ist friedfertig, bekifft, verknallt, wasweißich, jedenfalls hat sie manchmal keine Zeit für mich.

Dann taucht sie plötzlich für ein paar Tage auf, mit bisschen Pech auch schon mal für ein paar Wochen und mit wiederum bisschen Glück verstehe ich manchmal immerhin im Nachhinein, warum wieder Indoorkirmes angesagt war.  Weiterlesen

Einst. Im Ashram.

Er trägt eine pinke Mütze. Auf seiner Stirn sind drei Streifen aus einer Art Heilerde aufgemalt. Er ist Deutscher, um die vierzig, und wohnt seit langer Zeit in Bulgarien. Mehrere Monate im Jahr verbringt er hier. Wir sitzen auf einem winzigen Holzbänkchen und trinken Tee und ich werde darüber aufgeklärt, dass es eben DOCH sinnvoll ist, dass Frauen während ihrer Periode von allen alltäglichen Pflichten befreit werden und an einem gesonderten Ort alleine herumhängen. Ich bin zwanzig Jahre alt und befinde mich in einem Ashram in Nordindien. Aus dem ich eine gute Woche später rausfliegen werde.

Gepriesen wurde mir und meiner  damals nicht minder esoterikaffinen männlichen Reisebegleitung  dieser Ashram als „Stundenblume“, im Sinne Momos von Michael Ende.  Ein Freund des Reisebuddies hat hier viele Wochen mit seiner späteren Frau verbracht, sie haben das volle Programm durchgezogen mit Haare abrasieren und allem Zipp und Zapp. Wir fuhren also auf Empfehlung in den hohen Norden des Subkontinents, nachdem wir schon drei Monate kreuz und quer durchs Land gereist waren als stinknormale Backpacker.

Wir, das sind vier Deutsche um die 20.  Ich lese mir bei Ankunft an diesem wirklich verwunschenen Ort die mir von einer flatterhaften englischen Kettenraucherin ausgehändigten Ashram-Rules durch und möchte eigentlich  sofort wieder gehen. Und das obwohl es wirklich hübsch hier ist. Ein weites helles Flussbett, eingekeilt zwischen eigenwilligen Bergen, in der Mitte eine Kieselsteininsel. An beiden Seiten des Ufers steile schmale Steintreppen, die zu einem herrlich unübersichtlichen Gewusel  von Gebäuden, Parks und Tempeln führen.

Das miserabel kopierte Heftchen arbeite ich bei einer Tasse Tee auf dem Boden sitzend einmal komplett durch und fürchte mich.  Angst habe ich vor all diesen Verboten und Regeln, ich kotze schon bei dem Gedanken, um vier Uhr aufstehen zu müssen. (später kotze ich übrigens wirklich, das einzige Mal in 15 Jahren, einen inbrünstigen Schwall Linsendal in die Abflussrinne der Küche hinein, aber dazu später)

Der Rest unserer Truppe ist im Gegensatz zu mir bestens gelaunt und schaut schon beseelt in die Landschaft, also trete ich mir innerlich in den Arsch und sage „Schaus dir halt an“. In den Hausregeln  steht unter anderem geschrieben, dass menstruierende Frauen vom Ashramalltagsprogramm „befreit“ sind. Das bedeutet: nicht in den Tempel, nicht in den Tempel, auf gar keinen Fall in den Tempel, und die Teilnahme an den großen gemeinsamen Mahlzeiten (mitunter das Erhellendste des Tages) ist in dieser Zeit für dich ebenfalls  verboten. Du sitzt mal schön alleine mit einer Handvoll anderer Blutweiber im Küchentrakt herum und isst da. Ach ja, Küchendienst „musst“ Du auch nicht machen, so sagt es mir auch der Pinkmützenträger, zwinker zwinker, ist doch schön, oder?  Weiterlesen

Täter im Netz

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/taeter-im-netz-der-fall-bushby-102.html

Hier spreche ich eine zehnteilige Serie über Gewaltverbrechen, allesamt angezettelt in diesem Internetz drinne.

Ein Tor für die Freiheit

Frauenfußball in Kabul.

Stimme verleihen macht mir ja meistens Spaß. Eine besondere Ehre ist es bei so beeindruckend mutigen Frauen wie Madina Azizi.
Ich ziehe alle meine Hüte vor so wenig Angst – bzw soviel Gegenschub gegenüber berechtigten Ängsten.
Wer eine komplette patriarchale Gesellschaft gegen sich hat, öffentlich ausgesprochene Morddrohungen bekommt und dennoch weiter macht hat #eierausstahl .
Hier gehts zur Sendung:

https://www.arte.tv/de/videos/082199-000-A/frauenfussball-in-kabul/

Facebook ist wie deine alte Heimatstadtkneipe.

‚Früher‘ hat man da unter Garantie eine Menge gemochter Gesichter getroffen, egal wann man den Laden betreten hat. Der Ort war Schauplatz denkwürdigster Nächte und verfügte über eine dicke, saftige Partyluft. Die Lüftungsanlage war quasi immer kaputt, aber diese spezifische Dunstigkeit trug erheblich zur Atmosphäre bei. Jeder beklagte sich darüber, obschon er eigentlich mittlerweile durch die Zauberformel ‚klassische Konditionierung‘ vollkommen drauf stand, in Hallenbad-Klima Bier zu trinken.

Der Tresen: ein solides Holzmonument zum wohligen Drananlehnen und neue Leute kennenlernen. Ein Gewährleister guter Gespräche. Und bei harter Überfüllung verlässlicher Fixpunkt zur Neuorientierung.

Wenn Du heute daran vorbeiläufst, dann musst Du das Geschäft betreten. Um der alten Zeiten willen. Und weil Deine Amygdala Dich quasi dazu zwingt, obschon dein präfrontaler Cortex im Ton eines genervten Ehepartners interveniert: „Nu lasset doch. Du weisset doch besser. Schatz.“

Aber Schatz stapft entschieden zur Pforte.

Hinter der blauen Tür riecht es dann nach altem Bier, noch älterem Qualm, am Tresen kauern ein paar versprengte Einzelmännchen, denen die Kimme aus der Hose lugt inmitten eines Arschhaarbuketts. Sie reden darüber, froh zu sein, in ihrer Kindheit noch im Wald gespielt zu haben. Mit aufgeschürften Knien und ohne Handy.

Banger Zwischengedanke: Gehörst Du etwa zu denen?

An den Tischen: eine Handvoll junger Leute, die darüber streiten, wo sie jetzt hinwollen, da es hier öde ist.

Immerhin: ein bekanntes Bartendergesicht strahlt dich an. Und sabbelt dann auf dich ein als gäbe es etwas zu gewinnen. Weiterlesen

Dichter dran!

Für den Wissenspool „Planet Schule“ des WDR durfte ich die Herren Büchner, Fontane, Hesse, Hoffmann, Kleist & Lessing vorstellen.

https://www.planet-schule.de/wissenspool/dichter-dran

Wellness avec fromage

Bei einem Saunawochenende stand ich plötzlich vor diesem Zitat. Und musste leider eine Antwort verfassen.

Sehr geehrter Herr Doktor Donald Ardell,

in einem Westerwälder Saunaschuppen stieß ich auf diesen Text von Ihnen. Man hat Sie dort etwas würdelos über den Spülkasten einer Toilette gehängt, aber immerhin laminierte man sie vorher anständig ein.

Meine Meinung zu unserem scheinbar gemeinsamen Hobby „Wellness“ weicht von der Ihren geringfügig ab, was ich gerne kurz verschriftlichen möchte.

Wellness bedeutet das genaue Gegenteil von „persönlicher Exzellenz“.  Meine Güte, Sie steigen wirklich hoch ein.

Wellness bedeutet doch nur, dass du dir den mittels Menthol-Aufguss medium rare gegarten hauseigenen Hinterschinken kratzend in deutschem Nieselregen stehst, im Kopf eine geistige Nulllinie. Dampfend und dumpf. Weiterlesen