Asien at all

Sie langweilen. Sie haben sich nicht verändert. In mehr als zehn Jahren nicht. Wovon sprechen wir? Von Backpackern, Rucksacktouristen in Asien, zu denen auch ich noch immer gehöre. Langweile ich mich also selbst? Und habe ich mit meinem damaligen granatohrringigen Dasein die Backpacker der 90ger gelangweilt? Wahrscheinlich sogar.

2004 landete ich zwanzigjährig in Delhi und was war es mir flau zumute bei dem Gedanken download putty , jetzt knapp sechs Monate dort zu bleiben. Ich klammerte mich an die Hand meiner Reisebegleitung, ließ mich durch die Menschenmengen schieben und staunte.

Indien hat mich glücklich gemacht. Nicht weil alles so wahnsinnig exotisch ist und ich spirituell bei mir ankommen konnte. Nicht, weil ich sozialromantisch verbrämt sehen konnte, dass die Leute, die nix haben, trotzdem so bewundernswert fröhlich sind.

Sondern weil ich die Möglichkeiten meines Lebens, meine glückliche Geburt als unfassliches Geschenk bis auf die Knochen verstand. In Indien habe ich, neben unzähligen grandiosen und zum Sterben schönen Momenten und Menschen auch sterbende und tote Menschen gesehen, allen voran einen Obdachlosen, dem ich ein paar Rupien geben wollte und dann sah, dass er schon ausgetrocknete Augen und Fliegen im Mund hatte, derweil sein kleiner Hund ihn unablässig in die steife Seite stupste.

Dieses Bild bleibt frisch. Ich musste nicht weinen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon dutzende Leprakranke von meinen Knöcheln geschüttelt, war an unzähligen toten Hunden vorbei marschiert und hatte in hunderte dunkle Augen von Frauen geschaut, die mit einem dürren Säugling an sich gebunden ihre Hand zum Mund führten und dann zum Herz und mich bei diesem Vorgang anstarrten und verfolgten.

Wir haben von einem irrwitzig geringen Budget gelebt und als ich wieder nach Hause kam, nachdem ich auf Elefanten ritt, Tiger gesichtet, Hausboote bewohnt und mit Ziegen gekämpft hatte, aus einem Ashram geflogen und vor einem pakistanischen Mafiaboss geflohen war, das blaue Keilereiauge meiner Reisebegleitung mit Mangoeis gekühlt hatte, mit einem Bein in eine Kackegrube gefallen war, vor verdutzten Kindern auf einen Müllberg gepinkelt und in einem Teppichladen übernachtet hatte; nachdem ich für ein Weihnachtsfest zähes Ziegenfleisch, Zigaretten und Alkohol in ein asketisches Dorf über eine von aggressiven Affen bewachte Brücke schmuggelte und einmal für 32 Stunden alleine in einer handylosen Zeit in einem Zug gen Süden hockte; nachdem ich mich zum Gespött der Feuerwächter gemacht hatte, weil ich bei einer Leichenverbrennung am Ganges kurz hysterisch aufquiekte, als das Kniegelenk des lodernden Körpers mit einem Knall und einem letzten Tritt des Unterschenkels Richtung Himmel diese Erde verließ und nachdem ich an ruhigeren Stellen am Ufer ebenjenes Flusses gepicknickt und unter freiem Himmel in der Wüste geschlafen hatte, nachdem ich gefährlich okkulten Schwachsinn mitgemacht und mir die Zukunft aus den Händen und den Sternen lesen ließ und auch ausnahmsweise bekifft bis in die Haarspitzen im Himalayagebirge Steine angemalt und mir dabei die Yetischilderungen eines abgemagerten Engländers angehört hatte und nachdem ich erfolglos versucht hatte, einer Amöbenruhr mit Ingwerfasten beizukommen und so knapp zehn Kilo leichter in mein Elternhaus zurück kehrte, konnte ich mein Glück kaum fassen.

Ich stand unter dem soliden Strahl der deutschen Dusche und trank wie eine Irre Wasser dabei. Weil ich es konnte. Ich durfte mich kleiden wie ich will, lernen was ich will und heiraten wen ich will. Wenn ich denn überhaupt wollen würde; eine Hochzeit erschien mir wie ein Event, dass erst in einem anderen Leben stattfinden könne. Wenn mir ein Unrecht geschähe könnte ich ganz allein zur Polizei gehen und man würde mich dort Ernst nehmen. Und ich verbitte mir an dieser Stelle jedwedes Polizei-Bashing. Im Gegensatz zum Subkontinent findet bei uns ausschließlich lückenlose Aufklärung statt.

Ich musste beruflich nicht werden, was meine Eltern sind, ich wurde nicht mitsamt einem Kühlschrank und einem Motorroller an irgendein faules Arschgesicht verschachert und es gab keine Kaste, der ich angehörte, und die betonieren würde, was ich bin und zu sein habe.

Ich war frei und reich. Und krankenversichert. Megageil.

Dieses Gefühl konnte ich mir bis heute in weiten Teilen bewahren. Die in mir gespeicherten Langfassungen aller angerissenen Erlebnisse und die zahllosen weiteren nicht angerissenen Stories plus diese Freiheitserkenntnis sind ein Fundus. In ihm zu wühlen macht auch heute noch froh.

Sechs Jahre später fuhr ich nach abgeschlossener Uni mit meiner Liebe nach Thailand, Laos und Kambodscha und kam auch von dort 100 Tage später und um 100 Geschichten reicher wieder nach Hause. Diesmal blieb die große Euphorie nur kurz und verkehrte sich schleichend ins Gegenteil. Es ging nicht mehr um die ganz großen Pläne; welche Uni, welche Stadt, welcher Mann, welches Leben?  Es ging um: gut, ausgebildet biste nun, was – und vor allem wie – fängste mit dem Driss jetzt an?

Und irgendwie fing es an.

Nun haben wir 2016 und ich bin wieder in Thailand. Und verheiratet. Diesmal reisen wir mit genug Geld am Arsch für die komplette Tourirutsche, mit bedeutend weniger Abenteuer und im selben Maße bedeutend mehr Ausruhmodus. Ich bin nun fast eine Pauschaltouristin. Bis auf den Rucksack auf meinem Rücken und den Umstand, dass wir auch diesmal ohne jeden Plan und nur mit gebuchten Flügen loszogen.

Trotzdem sind sie noch überall um mich herum, die an den Hähnchenwagen vor dem Hit gemahnenden knusperbraun gebrannten dürren Backpacker mit ihren entweder betont teilnahmslosen oder hyperglücklichen Gesichtern und ihren Batikfetzen am Leib, die sie Kleidung nennen. Die hier feilgebotenen Accessoires sind dieselben stoffigen Umhängetaschen, die ich mir 2004 schon überwarf und die in Kontakt mit einer Regenkleinstmenge hektisch ihre Farbe auswürgen und aufs T-Shirt transferieren. Die Aushänge in den Bambusrestaurants erzählen genauso wie damals von machtvollen Vergebungsritualen und Detox-Yoga. Es sei allen dreimal gegönnt. Es ist eine gute Zeit. Ich allerdings muss mit mir selbst anstoßen und mir eingestehen, dass ich mich verändert habe. Eine Spießerin bin ich nun. Ich finde es grandios, ohne Gerechne in einem Laden einzuchecken, weil mir die Lage gefällt. Ich muss mir kein Zimmer mit Leuten teilen, die ich seit wenigen Stunden kenne, damit wir abends noch Pasta bezahlen können statt Reissuppe. Von dieser Reise werde ich deutlich weniger erzählen können als von den vorigen, es sei denn, jemand ist an weitschweifigen Rezensionen über die Bücher, die ich hier las, interessiert.

Nur in einem Punkt bewahre ich mir eine alte Tradition: im ungebrochen überbordenden Rausch über mein Zuhause. Was für ein Glück.

 

Über das Vermissen

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