Farewell, Leonard

leocohenbaum

Irgendwo in meinem Elternhaus traf ich mit 14 auf eine Kassette, die ich bis zu ihrem leierigen Versterben Kette hörte. Leonard Cohen. Meine Mutter, erfreut über diese Wahl (neben Offspring, den Ärzten, Enya und Dune;  man dringt ja gerade erst vor ins Universum der musikalischen Vielfalt) , schenkte mir nach dem Kassettentod die Greatest Hits auf CD, diese gelbliche, klassische; die, die alle haben.

Die dunklen Gefühle, die Cohen wohl verursachen kann, habe ich nie verstanden. Bei mir sorgt er immer für eine Vereinzelung, die mir erlaubt, mich eine Etage tiefer, eine Schicht unter dem Alltäglichen, mit der Welt zu verbinden. Seine subwooferige Stimme lässt mich einen bewussten, atmenden Teil von ihr werden. Wenn er singt, bin ich am richtigen Platz.

Zweimal gingen wir zum Konzert, der ebenfalls ewige Fan Mutter und ich. 2008 in Oberhausen und 2012 Open Air in Mönchengladbach.  Beide Male waren wir hingerissen. Beim ersten Mal machte ich in meinem Gehirn eine private historische Randnotiz: völlig überraschend  wehrte sich meine Mutter nicht, als ich  eine Schleife zu  McDrive  fahren  wollte und so starrte ich  nach einem fulminanten Musikabend staunend meine Burger kauende Mutter an. Mama isst Burger.  Sie isst gerade einen Burger! Meine Schwestern werden mich Lügnerin nennen.

Beim zweiten Konzert hinterließ  das Wissen, dass der charismatische, hutlüftende und wirklich alte Herr auf der Bühne nicht mehr touren müsste, wenn sein ehemaliger Manager nicht alles verzockt hätte, einen schalen Geschmack. Ein berauschender Abend wurde es natürlich trotzdem.  Nach seinem Auftritt rauchten wir und blieben noch eine Weile auf unseren Plätzen sitzen. „Wenn er mal stirbt, dann könnte ich ihn doch versorgen!“ sagte meine Mutter, die seit ungefähr hundert Jahren im Hospiz arbeitet. „Ja, gute Idee, frag ihn doch einfach, ob er damit einverstanden ist.“ Antwortete ich.  Sie trank den letzten Schluck unserer geteilten Limo und sagte entschlossen: „Dear Mister Cohen, I want to  be your death angel.“

Ich sage jetzt: „Dear Mister Cohen, Danke für ein Stück Identität. Für Versenkung. Für Ewigkeitsgefühle in meinem kleinen agnostischen Herzen. Danke für alles.

 

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