Mailaune

Plötzlich ist er da, der schönste aller Monate, der Herr Mai.

Endlich ist es warm genug, ich esse Eis mit meiner Tochter, sehr viele Menschen essen Eis mit Ihren Töchtern und Söhnen und Freunden und Verwandten, deshalb sitzen wir mit deutlich zu vielen Pötern eng gedrängt auf klitzekleinen Bänken, schlecken und schauen und plappern und lächeln.

Endlich wieder Menschen, denke ich, halt stop: denken trifft es nicht:  endlich wieder Menschen! fühle ich, bin ich! Vorbei die Monate, die wir im engsten Kreis unseres sozialen Gefüges in gut gedämmten Räumen verbringen, uns ab und an in eine bettdeckendicke Jacke wickeln, um einen kurzen Weg durch diese unwirtliche Welt zu erledigen, schnurstracks hinein in einen anderen gut gedämmten Raum.

Endlich vorbei die Zeit der Zimmer, endlich ist die Welt selbst wieder Lebens-Raum.

Traditionell geht ab jetzt die Frühlingslaune mit mir durch. Wie jedes Jahr werde ich asap luftige Kleider tragen, nackte Beine haben, konsequent die Tatsache ignorierend, dass auch der Mai einen noch schlottern lassen kann. Allerdings nur äußerlich.

Innerlich ist jetzt längst die warme Zeit angebrochen.

Der Mai birgt bei mir zumeist ein gutes Trio seines mittleren Buchstabens: Action, Amore, Abenteuerlust. Möge es bitte auch dieses Jahr wieder so sein.

Plötzlich füllen sich die Tage von ganz allein, nachgeholte Geburtstage, die ersten Verabredungen zum Draußen essen, Nachmittage, an denen man viele Kurven läuft, gerne Umwege macht, sich in Schleifen bewegt, durchs Viertel mäandert, weil es wieder geht und die zackige Kurzangebundenheit durchschnittlicher Wintertage endlich überstanden ist.

Sehen und gesehen werden ist jetzt wieder Phase, und das meine ich nicht wie es auf noblen Einkaufsstraßen oder Charityveranstaltungen gemeint ist – sondern wörtlich.

Man SIEHT sich wieder, weil wir nicht mehr mit audioverdumpfenden Stirnbändern auf den Ohren, Kapuzentunnelblick und dem Kinn im Mantelkragen durch eisekalten Nieselregen von Punkt zu Punkt eilen wie so ein schlecht gelauntes Malen-nach-Zahlen-Bild auf speed.

Wir kriegen uns jetzt gegenseitig wieder mit, so wie ich just in dieser Sekunde bemerke, dass der älteren Dame am Nebentisch gerade ihr Rollator entwischt und über den abschüssigen Bürgersteig geradewegs auf einen schwarzen Benz zuschießt. Ich kann die Kollision zwar nicht mehr verhindern, aber immerhin der Frau ihren Wagen wiederbringen und ihr durch meine doch noch etwas fitteren Augen versichern, dass der Zusammenprall folgenlos war, für beide Vehikel. Nein, nichts passiert, alles in Ordnung, wir können hier weiter sitzen und Eiscreme essen.

In Sachen Flora schlägt der Mai ja sowieso alle Monate. Alle. Diese vulgäre, schamlose Natur. All das Sprießen und Säfteeinschießen, diese einmalige Üppigkeit, die Farbenpracht!

Der Mai an sich ist überbordend, vital und gut durchblutet.

Wer sich davon amoremäßig nicht anstecken lässt, der ist eventuell innerlich doch schon ein bisschen verstorben, oder steckt gerade in einer richtig ätzenden Lebensphase. Andere Begründungen kann es nicht geben. Dieser Monat zwingt einen im Grunde zum Turteln und Schmiegen.

Ich denke an meinen Friseur. Allerdings nicht wegen des Schmiegens, sondern wegen des Sprießens.  Wir führten dereinst mal ein sehr privates Gespräch, was eigentlich ein ganz schönes Kunststück war, da wir beide eine Maske trugen und uns über den Spiegel unterhielten, beides eher Faktoren für emotionale Entfernung und entsprechenden smalltalk, aber nichts da: irgendwann schwärmten wir von den ersten Gängen durch den wieder ergrünenden Wald, und er erzählte, dass ihm dort jedes Jahr mindestens einmal die Tränen kommen, wenn wieder alles aufbricht, weil er so dankbar ist, dieses Schauspiel tatsächlich ein weiteres Jahr erleben zu dürfen. Und sich gleichzeitig bange frage, ob er wohl nächstes Jahr wieder dabei sein wird, wie viele Frühlingserwachen er wohl noch wird anschauen dürfen.

Ich nicke wissend und weine ein bisschen mit.

Also komm her jetzt, Herr Mai, lass Dich lieben, zier Dich nicht, Du willst es doch auch, sonst hättest Du Dich jawohl nicht so aufreizend angezogen. Oder?

Donnerstag Nachmittag.

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